Das Vermächtnis der Sieben Weisen - Die Bibliotheken des Schicksals

Die geheimnisumwobenen Palmblattbibliotheken sind über den gesamten Subkontinent verstreut. Die Urschriften der dort aufbewahrten Palmblätter wurden von einer Gruppe mythologischer Wesen - den Rishis - verfasst, die etwa 5.000 v. Chr. gelebt haben sollen

Den Sieben Heiligen Rishis wurde eine außerordentlich große spirituelle Macht nachgesagt. Der Überlieferung zufolge nutzten sie ihre Fähigkeiten dazu, aus der Akasha-Chronik (im Abendland als Weltgedächtnis bekannt) die Lebensläufe von mehreren Millionen Menschen zu lesen und schriftlich auf getrockneten Blättern der Stechpalme zu fixieren. Das gesamte Leben dieser Menschen, von der Geburt bis zum genauen Zeitpunkt ihres Todes, wurde auf den Palmblättern in Alt-Tamil – einer Sprache, die nur noch von wenigen Eingeweihten beherrscht wird –eingeritzt. Ein solches Palmblatt überdauert im Normalfall etwa 800 Jahre. Wenn es alt und brüchig geworden ist, wird eine Abschrift des Textes auf einem neuen Blatt angefertigt.

Von der einstigen Urschrift existieren zwölf Kopien, die in ebenso vielen Bibliotheken in ganz Indien bewahrt werden. Etwa 10 Prozent der Palmblätter sollen Informationen über das Schicksal von Nicht-Indern enthalten. Jeder, der erfahren möchte, was das Schicksal für ihn bereithält, muss sich aber selbst nach Indien in eine der Palmblattbibliotheken begeben.

Märchen aus Tausendundeiner Nacht oder Wunder?

Bei meiner ersten Reise in den indischen Subkontinent, hatte ich Madras, die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, gewählt. Waren die Berichte über die Palmblattbibliotheken nur Märchen aus Tausendundeiner Nacht des Orients oder würde mich vor Ort tatsächlich ein kleines Wunder erwarten? Am Abend des 13. August 1993 meldete ich mich für den folgenden Tag telefonisch in der Palmblattbibliothek an. Ich nannte lediglich meinen Namen und bat um ein Nadi-Reading (so nennt man das Lesen des Palmblattes) für den 14. August 1993. Es sollte am kommenden Morgen um 9:00 Uhr stattfinden und etwa 50 Minuten dauern.

Muschelwerfend zur Lebensberatung

Die Basis des Nadi-Readings ist die Lehre vom Shuka-Nadi. Dabei steht „Shuka“ für göttliche Weisheit und „Nadi“ für einen bestimmten Augenblick der Zeit. Diese Lehre beruht auf der Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft jenseits unseres herkömmlichen Raum-Zeit-Begriffes und soll eine lebensberatende Funktion ausfüllen. Als Ratsuchender gibt man zunächst seinen vollständigen Namen und sein Geburtsdatum an. Das Orakelhafte der Zeremonie beginnt, wenn der Besucher neun polierte Muscheln über einem Mandala werfen muss, das in einen kleinen Teppich gestickt ist. Danach sucht der Nadi-Reader die im Zentrum des Mandalas liegenden Muscheln heraus. Ihre Zahl, verbunden mit den bereits genannten Daten, bildet die Information für das Auffinden des persönlichen Palmblattes unter Tausenden von Palmblattmanuskripten. Mr. Ramani gelang es in relativ kurzer Zeit (ca. 5 - 7 Minuten), mein persönliches Palmblatt herauszusuchen. Sri Ramani, der zur Bhramanen-Kaste zählt und fließend Englisch sowie gebrochen Deutsch spricht, übersetzte die Texte des jeweiligen Palmblattes schriftlich ins Englische.

Nur ein indisches Märchen?

Nun werden Sie sich bestimmt fragen, ob an dem Nadi-Reading tatsächlich auch etwas dran ist oder ob ich einem indischen Märchen aufgesessen bin. Meine Palmblätter jedenfalls enthielten Informationen und genaue Daten über die Vergangenheit, teilweise sogar aus früheren Inkarnationen, bis hin zur Zukunft sowie Aussagen über sehr persönliche Angelegenheiten, die, soweit sie die Vergangenheit betrafen, auch überprüfbar waren und der Wahrheit entsprachen. Nach der Zeremonie war ich von der Echtheit des Nadi-Readings zumindest in diesem Fall überzeugt. Ich hatte den Aufenthalt in der Palmblattbibliothek mit zahlreichen Fotos dokumentiert, Tonbandmitschnitte angefertigt und war im Besitz der englischen Übersetzungen meines Palmblattes. Doch genügte das als Beweis? Ich glaubte dem Nadi-Reading des Mr. Ramani. Wer würde mir glauben? Es gab nur einen Beweis – das Palmblatt selbst. Und so wagte ich das Unmögliche; bat den Nadi-Reader, mein Palmblatt mitnehmen zu dürfen. Solch einer Bitte war meines Wissens noch niemals stattgegeben wurden. Doch das Unglaubliche geschah. Mr. Ramani übergab mir dieses für mich unschätzbar wertvolle Palmblattmanuskript.

Auf Echtheit geprüft und bestätigt

Die Fotokopien dieses Manuskriptes wurden inzwischen von führenden Spezialisten Europas für alttamilische Philologie analysiert und geprüft. Die Übersetzung nahm mehr als zwei Jahre in Anspruch. Im Ergebnis wurde mir mitgeteilt, dass es sich bei dem Manuskript tatsächlich um meinen Lebenslauf und nicht etwa um einen beliebigen religiösen Text handelt. Ferner nahm das Kernforschungszentrum Rossendorf/Sachsen unabhängig von den Ergebnissen der Übersetzung eine Altersbestimmung des Palmblattes mittels der C-14-Methode vor. Diese Analyse ergab, dass das untersuchte Palmblatt älter als 350 Jahre ist. Mit aller gebotenen Vorsicht möchte ich dies als einen Beweis dafür werten, dass zumindest vor 350 Jahren jemand meinen Lebenslauf jedenfalls insoweit kannte, als er ihn von einem älteren Manuskript kopierte.

Ich blieb skeptisch

Trotz meines Erfolges in Madras blieb ich skeptisch. Um den Wahrheitsgehalt des Nadi-Readings zu überprüfen, suchte ich bei meiner zweiten Indienreise im Juli 1995 eine weitere Palmblattbibliothek in Bangalore auf. Für das Auffinden des Palmblattes genügte die Angabe des Namens und des Geburtsdatums. In Bangalore wird das Palmblatt dem Besucher ebenso vorgelesen, wie dies in Madras geschieht – jedoch übersetzt Mr. Sachidananda den Text mündlich ins Englische, und der Klient kann die für ihn wichtigen Punkte selbst notieren oder das Reading auf Kassette aufzeichnen. Die Lesung des Palmblattes untergliedert sich in mehrere Punkte: Nach einer Einleitung, in der die astrologischen Daten des Klienten unter Verwendung des hinduistischen Kalenders dargelegt werden, berichtet Mr. Sachidananda zunächst von der Vergangenheit in diesem Leben. Sind die mitgeteilten Fakten durch Rückfragen überprüft und stimmen sie mit der Realität überein, werden die charakterlichen Eigenschaften, Talente und Fähigkeiten des Klienten sowie die Aufgaben erläutert, die sich daraus ergeben und die für die Gestaltung der Zukunft des Ratsuchenden wichtig sind. Das künftige Leben wird in Abschnitten von jeweils zwei bis drei Jahren bis hin zum Todestag geschildert und erläutert.

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