Unbewusste Fähigkeiten nutzbar machen

Im Zusammenhang damit werden auch mindestens vier frühere Leben des Klienten besprochen, aus welchen bestimmte Erfahrungen und Ereignisse in die jetzige Inkarnation hineinwirken. Dieser Abschnitt des Readings dient vor allem dazu, noch unbewusste, brachliegende Fähigkeiten, die bereits in früheren Leben erworben wurden, für die Aufgaben in dieser Inkarnation nutzbar zu machen. Ein weiteres Kapitel des Nadi-Readings ist der gesundheitlichen Verfassung des Klienten sowohl in psychischer als auch physischer Hinsicht gewidmet. Hier werden auch die Gegenmittel (etwa bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken oder Medizin des Ayurveda) zur Behebung bestehender oder künftig auftretender gesundheitlicher Probleme genannt. Danach wird noch einmal gesondert die Thematik Partnerschaft und Familie mit allen positiven und auch weniger günstigen Aspekten besprochen. Zum Abschluss des Nadi-Readings erhält jeder Klient sein ganz persönliches Mantra, das er immer dann sprechen soll, wenn er in Situationen gerät, welche die ganze Kraft der Persönlichkeit erfordern. Die Texte meiner Palmblätter in den Bibliotheken von Madras und Bangalore stimmten in ihren Aussagen nicht nur überein, sondern korrespondierten in dem Sinn miteinander, dass die Aussagen des Nadi-Readings in Bangalore jene von Madras ergänzten und umgekehrt. Natürlich bat ich auch in dieser Bibliothek um mein Palmblatt, leider aber ohne Erfolg und so blieben mir nur einige Fotos der Palmblätter.

Frage-und-Antwort-Spiel

Als nächstes suchte ich auch noch die weniger bekannte aber wohl zu den ältesten gehörende Palmblattbibliothek von Mr. Balasubramaniam in der heiligen Tempelstadt Kanchipuram auf. Die Kunst des Nadi-Reading ist bereits seit Jahrtausenden fest in die Hindu-Religion integriert. So waren die Palmblätter in Kanchipuram, die Auskunft über mein Schicksal gaben, etwa 700 Jahre alt. Die Bibliothek selbst soll noch älter sein. Zum Auffinden des persönlichen Palmblattes werden in Kanchipuram der erste Buchstabe des Vornamens, das Geburtsdatum und der Abdruck des rechten Daumens des Klienten benötigt. Die Suche gestaltet sich dann etwas zeitaufwendig. Es geschieht in einer Art Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Klienten. Dies bedeutet, dass der Nadi-Reader verschiedene Palmblätter anliest und sich dann durch Rückfragen vergewissert, ob die angegebenen Daten, die sich sämtlich auf die Vergangenheit und die momentanen Lebensumstände des Ratsuchenden beziehen, mit der Realität übereinstimmen. Dabei geht es vor allem darum, die Namen der Eltern des Klienten und ihr Alter zum Zeitpunkt des Nadi-Readings zu verifizieren.

Das Orakel behält Recht

Anschließend wird das Geschriebene laut vorgelesen und auf Kassette aufgezeichnet. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass in der Palmblattbibliothek von Kanchipuram ausschließlich Tamil gesprochen wird. Der ausländische Klient muss sich also vor seinem Besuch einen Dolmetscher besorgen, der zumindest die Texte ins Englische übersetzt. Auch die Aussagen der Palmblätter in Kanchipuram waren sehr exakt und stimmten mit denen aus Madras und Bangalore überein – wobei natürlich nicht eine buchstäbliche, sondern eine sinngemäße Identität gemeint ist. So unterschiedlich die in den einzelnen Bibliotheken praktizierten Rituale zum Auffinden der einzelnen Palmblätter auch immer sein mögen – inhaltlich sind die Lebensläufe äußerst präzise. Soweit meine nächste Zukunft betroffen war, welche nunmehr bereits Vergangenheit ist, konnte ich feststellen, dass all das, was mir das Palmblattorakel vorausgesagt hatte, auch eintraf. Es war von einer bedeutenden Veränderung in meinem Leben die Rede gewesen, einer Hinwendung zu geistigen Werten und der Möglichkeit, meine Leidenschaft – das „magische Reisen“ – zum Beruf zu machen. All dies war mir vorausgesagt, und dennoch war ich wohl am überraschtesten von allen, als es einfach geschah, denn Voraussagen zu hören und ihnen zu glauben, das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Doch gerade dies ist wohl Sinn und Zweck der Palmblattbibliotheken – nämlich bestimmten Menschen zu bestimmten Zeiten die Aufgaben zu zeigen, welche sie in ihrem Leben erfüllen sollen.

Lineare Zeit ist nur Illusion

Gemäß der Aussagen der Nadi-Reader wurden die Palmblattbibliotheken geschaffen, um das Schicksal bestimmter Menschen zu bestimmten Zeiten besser gestalten zu können – dies bedeutet allerdings nicht, dass sich das vorgezeichnete Schicksal (sofern man dies akzeptiert) eines Menschen abwenden lässt. Bei der richtigen Betrachtungsweise ist dieses Mysterium eigentlich ganz einfach zu erklären: Die lineare Zeit, in der wir Menschen hier und heute zu leben glauben, ist in Wahrheit nur eine Illusion. In der absoluten Realität des Universums existiert alles – unabhängig davon, ob wir es Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft nennen – immer im Moment des ewigen Jetzt. Deshalb geschieht auch alles jetzt, und jede Information ist demzufolge von dieser Ebene aus auch jederzeit abrufbar. Glaubt man den Überlieferungen, dann verfügten die rätselhaften Weisen der uralten indischen Legenden, die Rishis, über die Fähigkeit, diese Sichtweise zu nutzen und den Menschen damit eine wertvolle Hilfestellung für ihren Lebensweg zu geben. Als die Menschen jedoch immer tiefer in der materiellen Welt versanken, vergaßen sie die Ratschläge und Taten der Rishis, und betrachteten sie schließlich sogar als ihre Feinde. Deshalb zogen sich die Rishis vor langer Zeit in die reinen Länder Shambhala und Agartha zurück, zu denen gewöhnlichen Sterblichen der Zugang verwehrt ist. Bevor die Rishis aber diese Welt verließen, hinterließen sie uns und allen zukünftigen Generationen die Aufzeichnungen auf Palmblättern, um jene Menschen, die nach der Wahrheit und dem rechten Weg suchen, zu begleiten und ihnen zu einem glücklicheren und erfüllteren Leben verhelfen zu können.

Kein Gestern, kein Heute, kein Morgen

Wirkliches Nadi existiert immer noch, wenn auch diese Fähigkeit in Anbetracht der momentan von einigen Palmblattlesern betriebenen Kommerzialisierung möglicherweise nach und nach verloren gehen wird. Der Einfluss, den Palmblattbibliotheken auf unser Weltbild auszuüben vermögen, ist nicht zu unterschätzen. Denn wenn es möglich ist, dass jemand vor fast 7.000 Jahren voraussehen konnte, dass ich im August 1993 und im Juli 1995 nach Indien reisen und in ganz bestimmten Palmblattbibliotheken nach meinem Schicksal fragen würde; wenn dieser Jemand meinen Lebenslauf bereits damals im Detail kannte, dann müssen wir wohl unsere gängige Vorstellung vom Begriff Zeit vollständig revidieren. Dann gäbe es in der Tat kein Gestern, kein Heute und kein Morgen, dann sind Vergangenheit und Zukunft eins. Dann wäre die Gleichzeitigkeit von Ereignissen und Prozessen das beherrschende Prinzip des Universums.

Thomas Ritter

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