Was gibt’s da zu lachen?
Der Neuling ist angespannt, denn in den nächsten anderthalb Stunden soll gelacht werden. Einfach so. Ohne Witz. Und kaum betritt die Lachleiterin Marianne Krug den Raum, geht’s auch schon los: Die zwölf giggelgierigen Teilnehmer des Frankfurter Clubs „Lachyoga 4u“ wissen, wie es geht: Sie stellen sich im Kreis auf, machen die Rumpfbeuge, kommen langsam mit einem lang gezogenen, lauter werdenden „haaa“ nach oben, und wenn die Arme ganz in die Luft gereckt und alle dabei in die Mitte gelaufen sind, bricht die Gruppe in ein schallendes „Hahaha“, „Hohoho“ oder „Hihihi“ aus. Hier wird vorsätzlich gelacht. Jeden Dienstag. Das ganze Jahr über.
Fröhliches Experiment
Der Anfang des organisierten Lachens fällt auf einen Tag im Jahr 1995 um 7 Uhr morgens in einem öffentlichen Park im indischen Mumbai. Eigentlich wollte Dr. Madan Kataria nur einen Artikel für sein monatlich erscheinendes Gesundheitsmagazin „My Family Doctor“ schreiben. Einen Artikel, in dem er seinen Patienten zur besten, billigsten und am schnellsten wirkenden Medizin rät: Lachen. Doch als Mann der Tat wollte er nicht bloß über das Lachen schreiben, sondern in einem Selbstversuch dessen medizinische Wirkung ausprobieren. An jenem Morgen konnte er im Park vier Gutgelaunte zum Mitlachen motivieren. Innerhalb weniger Tage wuchs die Gruppe auf eine halbe Hundertschaft Lachwilliger an.
Umringt von der Kichergruppe ging abwechselnd eine Person in die Mitte und erzählte einen Witz oder eine lustige Anekdote. Der gemeinsame Spaß wirkte erfrischend, und der Rest des Tages konnte gut gelaunt bewältigt werden. Nach über zwei Wochen jedoch gingen die guten Witze aus und zu Tage kamen etwas seltsam anmutende, verletzende oder auch sexistische Pointen. Frau und Mann hatten zunehmend die Faxen dicke, und der gute Impuls der Anfangszeit drohte zu versanden. Sollte die Lachgruppe weiter bestehen, musste eine Alternative zum Jux-Rapport her. Madan Kataria ging nochmals in sich und kehrte mit drei grundlegenden Erkenntnissen aus der Lachforschung zurück: Um lachen zu können, benötigt man keinen Sinn für Humor. Man muss auch nicht fröhlich sein. Und es bedarf nicht mal eines Grundes. Wie das?
Lachen fürs Lachen
Wer das Lachen ergründen will, stößt auf drei miteinander verknüpfte Bereiche: den kognitiven (etwas lustig finden), den emotionalen (sich heiter fühlen) und den motorischen (Gesichtsmuskeln bewegen, Lachlaute ausstoßen). Alle drei Bereiche arbeiten wie in einem Netzwerk zusammen: Findet man etwas lustig, zucken die Lachmuskeln und man fühlt sich gut. Diese Netzwerkfunktion wird von den Lach-Yogis in veränderter Reihenfolge genutzt. Lauthals Lachen steht am Anfang. Dies ruft bald heitere Gefühle hervor, und oft findet man es sogar lustig, wenn man in der Gruppe einfach nur lacht. Die Wirkung: Man fühlt sich gut.
Das wird durch einzige eine physiologische Tatsache ermöglicht: Der menschliche Körper macht keinen großen Unterschied zwischen erzeugtem und spontanem Lachen. In beiden Fällen wird ein chemischer Freudencocktail ausgeschüttet. Insbesondere die Glückshormone des Körpers (Endorphine) werden beim Lachen produziert. Das hat positive Effekte: Entspannung setzt ein, der Blutdruck sinkt, der Kreislauf kommt auf Touren und die Verdauung wird angeregt. Beim Lachen werden außerdem Hormone ausgeschüttet, die das Schmerzempfinden dämpfen können; sie beruhigen, mindern Angstgefühle, regen den Schlaf an, erhöhen die Wahrnehmung und sorgen insgesamt für eine wohlig-glückliche Stimmung.
Im Ernst: Positiver Lacheffekt
Die gesunde Wirkung des Lachens hat heute selbst in der Wissenschaft Resonanz gefunden. Die Gelotologie beschäftigt sich etwa seit den 60er Jahren mit den körperlich-psychischen Auswirkungen des Lachens. Als Doktor Kataria die gesamte Literatur zu dem Thema überschlug, stieß auf zwei wichtige Wegbereiter des angewandten heilsamen Gelächters: Norman Cousins und Lee Berk.
Der Wissenschaftsjournalist Norman Cousins (1915-1990) hielt die biochemischen Prozesse des menschlichen Gefühlslebens für bedeutend und vertiefte seine Studien in das bis zu diesem Zeitpunkt vernachlässigte Forschungsgebiet. Cousins war selbst schwer am Herzen und an den Gelenken erkrank und die Prognose seiner Ärzte war ziemlich unlustig: Überlebenschance 1:500. Cousins verschlug das weder das Lachen noch die Hoffnung. Sein immenser Überlebenswille führte ihn zum Selbststudium der heilsamen Wirkung positiver Gemütszustände. In seiner Autobiografie „Der Arzt in uns selbst“ beschreibt Cousins, wie reichliches Lachen mithilfe von lustigen Büchern und Filmen sein Leben weit über die ärztlichen Prognosen hinaus verlängerte. Marx Brothers als Medizin? Cousins schwor darauf. Wenige Minuten intensiven Lachens wirkten anästhetisch und schenkten ihm einige schmerzfreie Stunden. Wenn die Wirkung nachließ, wurde einfach wieder das Comedy-Video eingelegt.
Der Wert von Dick & Doof
Heilsames Lachen war auch Lee Berks Forschungsschwerpunkt. Seine Maxime: Der Patient ist mehr als seine Krankheit. Bei der Behandlung sollte folglich die ganze Person und nicht nur ihre Symptome in Betracht gezogen werden. Was in der Welt der Wissenschaft noch als Gerücht kursierte oder als lachhaft abgetan wurde, interessierte Berk und wurde in den späten 70er Jahren Gegenstand seiner wissenschaftlichen Untersuchungen: die heilende Wirkung regelmäßigen Lachens auf den Körper. Dazu lud er den Begründer der Gelotologie ein, William F. Fry. Der erforschte am Mental Research Institute (MRI) im kalifornischen Palo Alto das Zusammenspiel von Körper, Psyche und Lachen bei der Humorreaktion. „Komm her“, sagte Berk zu Fry, „und bring deine Dick-und-Doof-Kassetten mit. Wir werden dir kontinuierlich Blut abnehmen, während du die Videos anschaust.“ Gesagt, getan. Dies war der Anfang einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen dieser Art. Und die Ergebnisse waren überwältigend: Lachen steigert die Immunabwehr. Anzahl und Aktivität von körpereigenen Abfangjägern, die Viren, Krebszellen und andere Eindringlinge abwehren, erhöhten sich.
Lachen für die Kreativität
Nicht nur die Immunabwehr vermag lachend verbessert zu werden. Ordentlich kichern hilft auch gegen Stress, schlechte Laune und soll sogar Frühjahrsmüdigkeit vertreiben. Humor wird nicht zuletzt auch psychotherapeutisch eingesetzt. Er löst Hemmungen und setzt Emotionen frei; er regt das kreative Potenzial des Menschen an und hilft bei Problemlösungen. Gemeinsam zu lachen ist nicht zuletzt eine anregende und erfrischende Art, miteinander zu kommunizieren. Michael Titze, ein Pionier des therapeutischen Humors, setzt bewusst auf das Aufbrechen eingefahrener Denk- und Wahrnehmungsweisen durch den Humor: Lachen wirkt distanzierend und befreiend und bekämpft auf erheiternde Art so manches Lebensproblem. „Auf diese Weise“, so Titze, „werden die Quellen einer Kreativität freigelegt, die oft schon in der Kindheit verschüttet wurden.“
Mehr Giggeln als Yoga
Schön und gut. Aber warum dazu noch Yoga-Übungen? Doktor Katarias Idee war es, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen und die heilsamen Wirkungen des Yogas zu nutzen, sprich: das Zusammenspiel von Körper, Psyche und Atem zu verbessern. Der Gewinn der ganzheitlichen Übungen sind eine verbesserte körperliche Vitalität und eine zunehmende innere Gelassenheit. Beim Lachyoga wird allerdings das Giggeln größer geschrieben als das Turnen. So können auch ältere Menschen die Übungen ausführen. Das angewandte Lachen wird lediglich durch leichte Körperbewegungen unterstützt, die seine Wirkungen intensivieren und so die frohe Botschaft im ganzen Körper verkünden.
Das wissen auch die Mitglieder des Lach-Yoga-Clubs „Lachyoga 4u“. Mit Vorliebe geben sie sich dem Evergreen des Lachyogas hin: der „Ho-ho-ha-ha-ha-Übung“. Sie wird im selben Rhythmus skandiert wie das einstmals in 68er-Kreisen beliebte „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“. Die Übung, bei der in die Hände geklatscht wird, dient in Lachyogakreisen der Stärkung des Kreislauf- und Atmungssystems sowie der Reinigung der Atemwege.
Lachen hat noch viele andere Seiten: Es gibt zum Beispiel das Begrüßungslachen, das Bärenlachen, das Löwenlachen, das Schimpflachen, das Sich-die-Hucke-voll-lachen und das Milchshake-Lachen: Dabei mixt man sich gut gelaunt einen imaginären Cocktail in die Mixgläser, die man rechts und links in den Händen hält, ein bisschen „Yeep“ hierhin, ein bisschen „Yeah“ dorthin. Dann werden abwechselnd die Gläser zum Mund gehoben und der Inhalt mit einem lauten Hahaha, Hohoho oder Huhuhu hineingeschüttet. Hinterher kann man trotzdem noch gemeinsam was Richtiges trinken gehen. Die gute Laune ist jedenfalls schon da.
Lach-Yoga weltweit
Was 1995 mit fünf Leuten im indischen Mumbai begann, ist zu einer weltweiten Bewegung mit mehr als 5.000 Lach-Yoga-Clubs angewachsen. Die Lachbewegung kichert in Indien, den USA, Kanada, Australien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien, der Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark, Ungarn, Irland, den Niederlanden, Finnland, Singapur, Indonesien, Malaysia, Vietnam, Taiwan, Hong Kong und Dubai. In Deutschland biegen sich mehr als 30 Lach-Clubs vor Lachen (www.lachbewegung.de, www.laughteryoga.com).
Autor: Dierk Szekielda
erschienen in: Body&Mind, Ausgabe 03-2010
Lach-Yoga-Clubs bringen einen auch ohne Witze zum Lachen. Was in Indien begann, ist zu einem weltweit organisierten Spaß geworden.