Auf Schneeschuhen der Stille entgegen

Wann und wo sieht man heute noch romantische Landschaften voll unberührten und jungfräulichen Schnees? Schneeschuhwandern zeigt den Winter in seiner ganzen Pracht und Reinheit. Ein fast schon spirituelles Erlebnis.

Einen schönen Spaziergang am Nachmittag, nur so für eine Stunde. So stellen wir uns unsere Schneeschuhwanderung vor. Wir, das ist eine Gruppe Erholungsbedürftiger, die auszogen, sich für ein Wochenende im tiefweiß verschneiten Allgäu verwöhnen zu lassen. Im Hubertus-Hotel erleben wir, dass vier Sterne nicht nur luxuriös, sondern auch unheimlich gemütlich sein können. Und nach all dem guten Essen und den vielen Müßiggängen im Spa-Bereich würde ein bisschen frische Luft uns gut tun und dem verwöhnten Körper den letzten Gesundheitskick geben. So treten wir alle an zum fröhlichen Waldstapfen.

Schon die Autofahrt durch die sonnendurchflutete Landschaft auf den sich schlängelnden Wegen mit hohen Schneewänden an den Seiten ist ein Erlebnis für sich. Und auch als wir abgesetzt werden und vor der nächsten Schneewand stehen, sind wir noch frohen Mutes. Obwohl der Wanderpfad in den Wald nur noch zu erahnen ist und die ersten erstaunten Gesichter sich bei der Gruppe zeigen. Da sollen wir hoch? Doch zuerst müssen die Schneeschuhe an die Schuhe befestigt und die ersten Gehversuche getan werden. Dies wird mit ausgiebigem Gelächter begleitet. Es mutet etwas seltsam an, wenn eine Gruppe erwachsener Menschen mit Schuhtellern so groß wie Tennisschläger in einem schwingenden Entengang durcheinander laufen. Unsere routinierte Führerin Christel, die Hausherrin persönlich, wartet geduldig lächelnd mit Huskie Askan, bis wir unsere erste Neugier befriedigt haben. Dann fragt sie im schönsten allgäuerischen Dialekt „pack mer’s?“, und ohne eine unserer zögernden Antworten abzuwarten, stapft sie los, scheinbar mühelos, der Huskie sogar mit delphinartigen Sprüngen voraus. Vollen Mutes reihen wir uns hintereinander ein und watscheln los.

Schon nach wenigen Schritten weiten sich unsere Augen ob der ungewohnten Anstrengung. Schneeschuhwandern entpuppt sich als schweißtreibende Sportart, wenn man wie wir auf unberührten Wegen bergauf steigt. So genau wie möglich folgt jeder der schon zertretenen Spur des Vordermanns. Christel fordert einige auf, in der Reihe voranzugehen. So lässt sich die unberührte Schönheit des Waldweges viel besser genießen, sagt sie. Natürlich versuche auch ich mein Glück, und versinke augenblicklich bis zu den Hüften im Schnee. Jeder neue Schritt wir zu einer neuen Herausforderung. Schon nach drei Minuten muss ich auf den vollkommenen Blick verzichten, denn die Schweißtropfen vereinen sich bereits zu kleinen Rinnsälen. Wir überlassen die Führung einem routinierten Skitouren-Gänger mit besserer Kondition.

Nach einer Weile stapfen wir dann auch in völliger Eintracht mitten durch den verschneiten Wald, alle im eigenen Rhythmus versunken und hintereinander den Berg hoch. Meter um Meter. Schritt für Schritt. Der innere Schweinehund wird langsam leiser.

E-i-n-a-t-m-e-n, a-u-s-a-t-m-e-n. Wie eine Dampflokomotive muss unsere Gruppe von unten aussehen. Längst verdrängte Gedanken tauchen aus ihren sicheren Schlupfwinkeln hervor. Doch die Gleichmäßigkeit unserer Schritte, das regelmäßige Atmen lassen sie genauso schnell vorüberziehen und irgendwann kehrt Ruhe ein. Nur die Geräusche der Plastik-Schneeschuhe nehmen wir wahr. Vereinzelt klopft ein Specht, ganz selten raschelt es im Gebüsch. Ansonsten herrscht Stille. Und sie ist willkommen. Wann wir Stadtbewohner das letzte Mal von einer solchen Stille umgeben waren, wissen die meisten gar nicht zu sagen. Doch der Höhepunkt unseres fast schon spirituellen Weges soll uns noch bevorstehen.

Der Wald wird mit einem Mal lichter und die Sonne sucht sich immer mehr ihren Weg zu uns. Sie reißt uns aus unserer kleinen Marsch-Meditation und eröffnet den Blick auf eine große Lichtung. Wir lassen den Waldweg hinter uns und rasten. Endlich. Als erste Belohnung erwartet uns einen kräftiger Schluck Orangensaft-Schorle aus der Thermoskanne. Schon reden wir alle wild durcheinander, so stolz sind wir auf das eben Geleistete. Doch dann beschert Christel uns die wahre Belohnung: Für drei Minuten möge keiner was sagen, wir sollen die Natur um uns herum wahrnehmen und genießen. Da stehen wir im Kreis, die Beine fest im Schnee. Ich denke mir eben noch, meine Yogalehrerin wäre stolz auf die „Baumstellung“, da überkommt uns die absolute Stille. Und wir genießen. Kein Mucks ist zu hören, die Sonne glitzert auf den Schneeflächen überall um uns herum und purer Sauerstoff strömt in die Lungen. Ein tolles Gefühl. Doch die drei Minuten verfliegen nur so, und schon stapfen wir weiter.

Eine gewalzte Fläche macht die Schneeschuhe überflüssig. Ein erstaunlich intensives Erlebnis neigt sich seinem Ende zu. Ich blicke noch einmal sehnsüchtig gen Wald, bin aber recht schnell versöhnt, denn in der Hütte erwartet mich bereits ein riesiger Berg dampfenden Kaiserschmarrens, direkt aus einer gusseisernen Pfanne.

Nadine Czwalinna