So schmeckt die Lust

Was Männer stark und Frauen schwach macht

Gutes Essen ist ein Fest für die Sinne — wenn die Auswahl der Zutaten stimmt, womöglich für alle Sinne. Diversen Gewürzen, Gemüsen und Meeresfrüchten sagt man seit jeher lustfördernde Qualitäten nach, und einen Versuch ist es allemal wert

Nicht ohne die gebotene Zurückhaltung widmete sich einst Alessandro Petronio, Oberarzt im Dienste von Papst Gregor XIII., dem pikanten Thema: „Diejenigen, die mit größerem Vergnügen und Wohlgefallen darauf bedacht sein wollen, Kinder zu zeugen und daher eine größere Menge Samen benötigen", schrieb er anno 1592, sollten „Gemüsesuppe mit frischem Brot und halbgaren Eiweißen“ verzehren. Hausmannskost als Potenzmittel? So abwegig ist der Gedanke nicht. Schon in der Antike erkannte man, dass Liebe und Lust auch durch den Magen gehen.

Bockskraut und Tollkirsche

Aphrodisiaka nennt man die essbaren Hilfsmittel, die Lust und Kraft der Liebe fördern sollen, nach Aphrodite, der griechischen Göttin der Schönheit und der Liebe. Mittel und Rezepte, um Erotik und sexuelles Verlangen anzuregen, waren den alten Ägyptern, Griechen und Römern bekannt und hatten im europäischen Mittelalter Hochkonjunktur. Mit Alraune, Tollkirsche, Teufelskralle, Bockskraut und Pimpernuss flogen nicht nur Hexen in den siebten Liebeshimmel, sondern auch so mancher willige Jüngling in die Arme einer Geliebten. Mittel, um „den Wunsch zum Beischlaf zu erhöhen und die männliche Rute erigieren zu lassen“ waren in der Renaissance buchstäblich in aller Munde — zumindest in denen der Männer, denn die Furcht vor der Sexualität der Frauen und ihren „unkeuschen Dämonen“ war groß, die wollte mann nicht fördern.

Vieles, was damals in die Kochtöpfe und Mägen der Sehnsüchtigen wanderte, erscheint uns heute eher sonderbar, von den Beschaffungsschwierigkeiten für die bizarren Erotika ganz abgesehen. Woher Fledermausblut, Ziegenköpfe, getrocknete Hoden vom Hahn, Wildschweingalle oder Elsternkot nehmen? Sehr beliebt und uns heute weniger suspekt war aber auch das Fleisch von Tauben und Spatzen, weil diese, so hatte es jedenfalls schon Aristoteles beobachtet „in einer Stunde 83-mal“ zu kopulieren vermögen. Auch Hasen und Kaninchen wurde ob ihrer nimmermüden Fortpflanzungskraft daher eifrig nachgestellt.

Bei der Bestimmung der pflanzlichen Aphrodisiaka ließ man sich von der Signaturenlehre leiten, die besagt, dass in der Wechselbeziehung von Mensch und Pflanze Ähnlichkeiten und Entsprechungen den Nutzwert verraten. Weshalb man in Japan nach dicken Ingwerknollen gräbt und in China und Korea stramme Ginsengwurzeln aus der Erde zieht. Im heimischen Europa standen Alraunenwurzeln hoch im Kurs, aber auch Feigen, Pfirsiche, Pflaumen und Aprikosen, weil sie eben an Hoden bzw. die weibliche Vulva erinnern. Äpfel erinnerten an weibliche Brüste, der Blütenkolben des Aronstabs einem Phallus.

Austern für Casanova

Unter den Nahrungsmittel mit dem Ruf, erlahmende Sexualität anzuheizen und Wollust zu wecken, stehen bis heute die Austern ganz obenan. Der Verführer Giovanni Casanova soll täglich 50 Stück davon verzehrt haben, um seinem legendären Ruf gerecht zu werden. Auch Kaviar, den kostbaren Fischeiern, traut man zu, kochende Leidenschaft auszulösen. Der Genuss von duftenden Trüffeln soll ebenfalls der Liebe Flügel verleihen. Die tolle Knolle Knoblauch wurde zum Symbol für Erotik und Zeugung und stand bei Liebeshungrigen in gutem Ruf. „Wer an natürlichen Werken nichts schaffen kann, der esse oft Knoblauch, und er bekommt wiederum Lust und Kraft”, schrieb der italienische Arzt Matthiolus. Im alten Ägypten war Knoblauchverzehr deshalb den Priestern verboten. Auch die Zwiebel erhielt wegen ihrer strammen Rundung die höheren aphrodisischen Weihen. „Sie macht gross Lust zu den Weibern“ lobte Kräutervater Leonhart Fuchs, und auch Matthiolus wusste: „Zwiebeln gegessen entzünden die unkeuschen Gelüste”.

Seite 1 | » Seite 2 | » Seite 3