Bequem und gut?
Munter tummeln sie sich in Joghurtbechern, Fertigsuppe und Tiefkühlmahlzeit. Innerhalb der Europäischen Union dürfen Zusatzstoffe wie Aromen, Enzyme, Farbstoffe und Geschmacksverstärker bei der Lebensmittelherstellung verwendet werden. Viele müssen nicht einmal deklariert werden, und selbst bei Bioprodukten sind etliche Zusatzstoffe erlaubt.
Zu Schlüsselfertigem auf dem Teller greift vor allem eine zunehmende Zahl an Ein- und Zweipersonenhaushalten. Sie befindet immer häufiger: Kochen lohnt sich nicht. Auch Familien, bei denen beide Elternteile berufstätig sind, wollen oftmals nicht die kostbare Freizeit mit Schnipseln in der Küche verbringen. Und die, die sie wieder haben – die Rede ist von älteren Menschen – fühlen sich häufig mit dem Gericht aus der Packung gut versorgt. Ob aus freien Stücken oder weil die Füße sie nicht mehr so recht aus den eigenen vier Wänden tragen wollen. Die Alternative zu Selbstgekochtem für all diese Menschen: Das Fertig- oder Tiefkühlgericht.
Natürlich kann man sich empört gegen diese Entwicklung stemmen. Man kann jedoch auch herausfinden, welche schlüsselfertigen Produkte es würdig sind, im eigenen Einkaufswagen zu landen. Schließlich gibt es sie doch immer wieder – die Tage, an denen man erleichtert die Packung aus der Truhe holt.
Praktische Küche
Man hört ihn immer häufiger, den Begriff „Convenience Food“ (engl. convenient, komfortabel, angenehm). Gemeint sind damit Lebensmittel, die bereits bestimmte Be- und Verarbeitungsstufen durchlaufen haben. Es entstehen fertige Mahlzeiten (Eintöpfe, Pizzen, Nudelgerichte) oder fertige Teilgerichte (Nudelsaucen, Bratensaucen und Backmischungen), die schnell und einfach zubereitet werden können.
Neu ist die Idee einer Fertigmahlzeit übrigens nicht: Vor über 100 Jahren gab es das erste Convenience-Produkt, die sogenannte „Erbswurst“. Durch die Beimischung mit heißem Wasser ergab das Trockenprodukt eine Erbsensuppe. Heute ist die Palette der Convenience-Produkte kaum noch überschaubar. Wer besser durchblicken möchte, sollte im wesentlichen drei Bereiche unterscheiden:
((Freizeile))
Trocken- oder Instantprodukte entstehen durch Trocknungsverfahren, bei denen dem Lebensmittel Wasser entzogen wird.
Nasskonserven werden nach dem Abfüllen in Gläser, Dosen oder Plastikverpackungen durch Erhitzen konserviert. Es entstehen Voll- oder Halbkonserven, die durch Produkte aus dem Kühlregal ergänzt werden.
Tiefkühlprodukte sind Teilgerichte oder fertige Mahlzeiten, die durch rasches Gefrieren haltbar gemacht wurden. Ihr Vorteil: Vitamine, Mineralstoffe und Geschmack bleiben weitestgehend erhalten.
Besser als ihr Ruf
Die gängige Meinung: So komfortabel die Versorgung mit Fertigmahlzeiten ist, wer sich ständig mit stark bearbeiteten Produkten aus Dose und Tüte versorgt, ernährt sich einseitig. Diese Aussage stimmt nur zum Teil. Sind zwar frisch gekochte Mahlzeiten im Vitamin- und Mineralstoffgehalt häufig entsprechenden Fertigprodukten überlegen, so gibt es dennoch Ausnahmen. Etliche Convenience-Produkte besitzen nämlich mehr Vitamine und sind oft gesünder als ihre frischen Pendants. Ein Beispiel: Tomaten aus der Dose sind wesentlich gehaltvoller als die frische Ware aus dem Supermarkt. Sie werden reif geerntet, umgehend verarbeitet und besitzen daher in der Regel ein besseres Aroma – bei klarem Preisvorteil! Natürlich sollte man sich die Variante eines Einkaufs auf dem Bauernmarkt nicht entgehen lassen, das Angebot in der Frischwaren-Abteilung von Supermarkt & Discounter sieht hingegen häufig recht kläglich aus.
Auch tiefgekühltes Obst und Gemüse büßt kaum Vitamine ein. Zu verdanken ist das der Schockfrostung, die sie direkt nach der Ernte innerhalb weniger Minuten auf die erforderliche Kühltemperatur bringt. Frische Ware liegt hingegen oft tagelang in der Gemüsetheke und anschließend im Kühlschrank. Selbst Aufbackbrötchen kommen mittlerweile ohne Konservierungsstoffe aus. Vor dem Zuschweißen wird die Verpackung zwecks längerer Haltbarkeit lediglich mit Kohlendioxid gefüllt.
Nicht von der Hand zu weisen ist dennoch: Der Konsum der praktischen Kost birgt die Gefahr einer zunehmenden Bequemlichkeit. Mit steigender Qualität von Convenience-Produkten wird unter Umständen noch weniger selbstgekocht. Und wem das Argument nicht reicht: Schon allein aus ökologischen Gesichtspunkten sollte man auf Nahrungsmittel, die einen hohen Verpackungsaufwand erfordern, nur von Zeit zu Zeit zurückgreifen.
Die „neuen“ Fertigprodukte
Kaum einer ahnt, was sich hinter dem Begriff „Zusatzstoff“ alles verbirgt: Selbst aus Sägemehl produzierte Aromen können auf der Verpackung als „natürliche Aromen" deklariert werden. Detaillierte Informationen dazu findet man im Hamburger Museum für Deutsche Zusatzstoffe (www.zusatzstoffmuseum.de). Aufgeklärt wird über alle Zusätze, die in der Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen, sowie deren Nebenwirkungen.
Kritikpunkt bei vielen Convenience-Produkten sind auch die enthaltenen Geschmacksverstärker wie Glutamat. Viele Firmen werben inzwischen damit, dass sie auf derartige Zusatzstoffe zu Gunsten von Hefeextrakt verzichten. Was wenige wissen: Hefeextrakt enthält zwar kein freies Glutamat, setzt aber welches frei. Kein Grund zur Panik. Glutamat steht zwar im Verdacht, Kopfschmerzen und Allergien auslösen zu können, dazu sind allerdings auch andere Lebensmittelbestandteile in der Lage. Viele Lebensmittel enthalten ohnehin von Natur aus recht viel Glutamat, etwa Käse oder reife Tomaten. Wer nach dem Verzehr mit körperlichen Beschwerden reagiert, sollte auf diese Produkte verzichten.
Lebensmittelimitate erkennen
Immer mehr Hersteller von Fertiggerichten legen Wert auf transparente Produktionsvorgänge – zugegebenermaßen nicht ganz ungezwungen. Sie stehen einer größer werdenden Verbraucherfront gegenüber, die wissen will, was auf den Teller kommt. So hat etwa der Tiefkühlproduzent Frosta allein 60 Hilfsstoffe konsequent aus seiner Zutatenliste gestrichen und rund 200 Zutaten ausgetauscht.
Wer ganz sicher sein will, was sich hinter der Verpackung verbirgt, dem bleibt nur ein Blick auf die Zutatenliste. Hier müssen nicht nur Nähr- und Zusatzstoffe, sondern auch Lebensmittelimitate wie Analogkäse deklariert sein. Wo also Käse draufsteht, muss auch Milch drin sein! Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schreibt vor, dass ein Lebensmittel im Sinne des Verbrauchers eindeutig gekennzeichnet sein muss. Schließlich will man wissen, ob man sich das Käseimitat auf Basis von Wasser, Pflanzenfett, Milcheiweiß, Stärke, Aromen und Farbstoffen einverleibt oder das Originalprodukt aus Milch. Unappetitlich aber wahr: Bei Schinkenimitaten werden Bindemittel wie Stärke, Gelier- und Verdickungsmittel zugesetzt, damit aus der Mischung von Fleischstücken und Wasser eine schnittfeste Masse entsteht.
Zusatzstoffe werden im Übrigen in allen EU-Ländern mit E-Nummern gekennzeichnet. Sie beschreiben einen Zusatzstoff eindeutig über alle Sprachgrenzen hinweg. Wer es genau wissen will: Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz informiert in empfohlenen Ratgebern und im Internet, welche Hilfsmittel hinter diesen E-Nummer stecken.
Tester unterwegs
Wenn die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) probiert und prämiert, dann wird es richtig aufwändig. Fleischfertiggerichte, Suppen, Soßen, Kartoffeln- und Gemüseprodukte sowie Tiefkühlprodukte muss sie durch einfache Zubereitung und hohe Produktvielfalt überzeugen. Die DLG testet auf Genusswert, Gebrauchswert und Deklarationswahrheit. Der wissenschaftliche Leiter des Qualitätswettbewerbs für Convenience Food, Professor Joerg Oehlenschläger, und die Tester des DLG befinden, dass mit einer exakt befolgten Zubereitung der Produkte immer häufiger eine Mahlzeit auf den Tisch kommt, die kaum von einer frisch zubereiteten zu unterscheiden ist. Einmal im Jahr prüfen sie Fertig- und Schnellgerichte. Welche Convenience-Produkte die DLG prämiert hat, kann unter www.dlg.org nachgelesen werden. Wirklich mangelhafte Ergebnisse sind bisher selten vorgekommen.
Im Gegensatz zu der DLG konzentriert sich die Stiftung Warentest bei ihren Untersuchungen meist auf einzelne Produkte, etwa Gemüsesorten, Fleisch, Fisch oder Säfte. In einer aktuellen Testrunde enttäuschten viele fertig zubereitete Rotkohlsorten vor allem im Geschmack. Zwei Produkte wiesen sogar starke Fremdgerüche auf und wurden deshalb mit „mangelhaft“ benotet. Die Testsieger kamen aus der Tiefkühlabteilung: Die Firmen Iglo und Bofrost boten laut Testergebnis den besten Apfelrotkohl. Das Ergebnis im Detail: Tiefkühlrotkohl, der rasch nach der Ernte eingefroren wird, liefert durchschnittlich 23 Milligramm Vitamin C pro 100 Gramm. Rotkohl in Gläsern und Beuteln kann hingegen nur knapp ein Drittel davon bieten. Immerhin gab es bei keinem Produkt Probleme mit Aneilen an Pestiziden, Nitrat, Blei oder Kadmium.
Wem ist zu trauen?
Vertrauensvoll klingt es im Ohr, vor schnellen Schlussfolgerungen sei jedoch gewarnt. Fertiggerichte wurden von der Verbraucherzeitschrift Ökotest zum letzten Mal vor drei Jahren untersucht. Obwohl etliche Anbieter inzwischen auf Geschmacksverstärker wie Glutamate verzichten, scheint Ökotest auch nicht mit dem Einsatz von Hefeextrakt zufrieden zu sein. Der Grund: Auch hier könnten Beschwerden auftreten. Inwieweit dieses Kriterium für die Wahl eines guten Fertigprodukts von Ausschlag sein sollte, ist fraglich. Schließlich treten auch auf natürliche Nahrungsmittel allergische Reaktionen auf.
Ökotest bemängelt außerdem die in vielen Gerichten enthaltenen Transfettsäuren. Hier ist den Prüfern Recht zu geben. Transfettsäuren kommen vor allem in industriell produzierten Lebensmitteln vor und entstehen durch gehärtetes Pflanzenöl. Ihr übermäßiger Verzehr erhöht den Gehalt von Cholesterin im Blut, was wiederum koronare Herzkrankheiten wie Arteriosklerose und Herzinfarkt begünstigt.
Auch geschmacklich waren die Tester, drei Vertreter der Vereinigung Slow Food, nicht zufrieden. Kartoffelprodukte schmeckten selten nach Kartoffel, etliche davon nach Geschmacksverstärkern und viele Pürees befanden sie als „suppig“. Diese recht unterschiedlichen Beurteilungen lassen nur einen Schluss zu: Ob ein Produkt schmeckt, muss jeder selbst probieren. Was die Qualität angeht, kann der Verbraucher sich immer mehr auf transparente Angaben verlassen. Wichtig ist nur, sich nicht von schönen Verpackungen verleiten zu lassen, sondern auch das Kleingedruckte auf der Rückseite zu lesen. Dann kann sie auch mal ruhigen Gewissens neben Banane und Salat in den Warenkorb wandern.
Einkaufstipps
Wer sich für eine Fertigmahlzeit entscheidet, sollte vor allem zu möglichst unverarbeiteten Produkten greifen, das spart chemische Zusätze. Klar im Vorteil ist hier Tiefkühlkost. Die schonende Konservierung durch Schockfrostung bewahrt ihren Vitamingehalt. Außerdem zu beachten:
Achten Sie bei Tiefkühlprodukten auf die sogenannte "Stapelgrenze". Das sind rotmarkierte Pfeile an den Wänden der Kühltruhe. Produkte müssen unterhalb dieser Grenze gelagert werden, da sie sonst antauen und im schlimmsten Fall sogar verderben können.
Instantprodukte sind zwar praktisch, aber durch den Trocknungsprozess stark verändert. Vitamine kann man hier kaum noch erwarten, daher werden sie oft wieder zugesetzt. Optimal wirken sie aber nur in der natürlichen Verbindung mit anderen Vitalstoffen. Die Tütensuppe sollte also eher die Ausnahme darstellen. Gegen Instantbrühe als Suppengrundlage, kombiniert mit frischem oder tiefgekühltem Gemüse, ist nichts einzuwenden.
Ist Ihnen ein Produkt nicht bekannt, studieren Sie die Zutatenliste. Sind unerwünschte Zusatzstoffe oder gehärtete Fette enthalten: zurück damit ins Regal!
Bevorzugen Sie Bio-Fertiggerichte. Sie unterliegen einer besonders strengen Kontrolle. Auch hier gilt: möglichst nach Tiefgefrorenem greifen.
Geniale Erfindung
Es war Donnerstag, der 6. März 1930, als die Bewohner der Kleinstadt Springfield im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts zum ersten Mal verpackte Lebensmittel in tiefgekühlter Form kauften – de Geburtsstunde der Tiefkühlkost war da. Aus Mangel an klassischen Tiefkühltruhen nutzte man die bereits vorhandenen Eiskremtruhen als Verkaufsgeräte.
Erfinder der Tiefkühlkost ist Meeresbiologe Clarence Birdseye. Auf seinen Forschungsreisen von 1915 bis 1922 nach Labrador in Neufundland erlebte er immer wieder mit, wie Eskimos ihren eisigen Lebensraum nutzten, um Fisch lange haltbar zu machen: Sie froren ihn ein. Dazu hängten sie ihren frischen Fang oder die gerade erlegte Beute in den eisigen, bis zu minus 45 Grad Celsius kalten Wind. Binnen kürzester Zeit waren Fisch und Fleisch tiefgefroren. Die so haltbar gemachten Lebensmittel hielten den ganzen Winter über und schmeckten nach dem Auftauen auch nach Wochen und Monaten noch genauso frisch wie gerade gefangen oder erlegt.
Autor: Andrea Fettweis
Bild: Shutterstock
Aus: Body&Mind, Ausgabe 2/2010
Ob aus Tüte, Dose oder Tiefkühltruhe, wenn es zeitlich eng wird, ist „die schnelle Mahlzeit“ eine willkommene Erleichterung – zumal sich auch noch der Abwasch deutlich reduziert. Gibt es jedoch Produkte, die man ohne schlechtes Gewissen in den Einkaufskorb legen kann? Unser Fazit: Ja, die gibt es.