Nicht ohne meinen Kimono

Es existiert wohl kaum ein Kleidungsstück, welches mit so wenig Schnitten so elegant kleidet. In der Ausführung von großer Schlichtheit, besticht es um so mehr durch außergewöhnliche Stoffe und eine lange Tradition.

Mit ein wenig unsicheren aber vor allem stolzen Schritten steigen die kleinen Jungen und Mädchen am Arm ihrer Eltern die Tempelstufen hinauf. Vor allem die Mädchen haben es in den zori, einer sandalartigen Fußbekleidung, nicht leicht. Es ist der 15. November und Shichi go san, der Tag an dem drei- und fünfjährige Jungen sowie drei- und siebenjährige Mädchen im Tempel gesegnet werden. Sie treten damit vom Alter des Kleinkindes in das des Kindes über und dürfen sich außerdem auf ein langes Leben freuen. Shichi go san, oder auch „sieben-fünf-drei”, entstand vermutlich aus einer Mixtur von Riten der Adelsschicht und des Samurai-Stands und freut sich noch heute größter Beliebtheit im Land der aufgehenden Sonne.

Nicht viel später folgt am zweiten Montag im Januar das Fest Seijin Shiki. Schon am Vormittag strömen festlich und farbenfroh gekleidete junge Frauen in Gruppen durch die Straßen und Tempel. Sie alle werden in diesem Jahr das 20. Lebensjahr erreichen und sind mit dem „Fest der Volljährigkeit“ erwachsen, dürfen nun in Bars ausgehen, trinken und rauchen.

Beide Ereignisse haben etwas Entscheidendes gemeinsam, ein langes und edles Stück Stoff – den Kimono. Bei den Kleinen bunt und fröhlich, entwickelt er sich bei den jungen Frauen in der abgewandelten Form des furisode, einem Kimono mit besonders langen Ärmeln, zu einem schieren Feuerwerk der Farben. Der Anblick der aufgeregten Mädchen, die sich gegenseitig bewundern und freudig aufschreiend um den mit einer weißen Pelzstola bestückten Hals fallen ist vielen Japanern eine willkommene Abwechslung zum grauen Alltag.

Auch zu anderen Gelegenheiten ist der Kimono wieder auf dem Vormarsch. Entfacht hat diesen Boom die Zeitschrift Kimono Hime, übersetzt „Kimono-Prinzessin“. Seit 2002 macht sie Frauen im Alter zwischen 20 und 30 die tausendundeins Kombinationsmöglichkeiten des Kimonos schmackhaft. „Hippe“ Japanerinnen kombinieren dabei ihren Kimono mit der aktuellen Schuh- und Haarmode.

Ein Seidenstück Tradition

Begeisterungsstürme für den Kimono waren jedoch nicht immer der Fall. Mit Beginn der Meiji-Zeit Ende des 19. Jahrhunderts trat Japan in das Zeitalter der Moderne ein. Mit der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und militärischen Neuorganisation des Landes unter Kaiser Mutsuhito verschwand das klassische Kleidungsstück der Japaner mehr und mehr aus dem Straßenbild – ein undankbarer Augenblick für die kunstvollen Fasern, welche über mehrere Jahrhunderte hinweg die Japaner schützend und repräsentierend umhüllten.

Schon sein Vorläufer kleidete die chinesische Oberschicht, begann seine Karriere in Japan jedoch keinesfalls vornehm und elegant. So undifferenziert wie der Begriff Kimono mit „Etwas zum Anziehen“ übersetzt werden kann, bezog sich der Kimono bis zur Heian-Zeit (794-1192) auf alle Arten von Kleidungsstücken. Erst im 13. Jahrhundert verschmolzen zwischen seinen Falten die verschiedenen Gewandformen aus dem höfischen No-Theater und dem bürgerlichen Milieu. Als kunstvolles Gewand avancierte der Kimono damit zur Nationaltracht aller japanischen Bevölkerungsschichten. Seinen krönenden Höhepunkt erlebte er in der Edo- bzw. Tokugawa-Zeit (1603–1886), einer Zeit des kulturellen Aufschwungs und des Aufstiegs der bürgerlichen Gesellschaft in Japan. Noch heute denkt man dabei als erstes an die kostbar gekleideten Geishas der alten Kaiserstadt Kyoto.

T-förmig, praktisch, gut

Die unverkennbare Grundform eines Kimonos ist das T. Einzig der Kragen und weite Ärmel durchbrechen die glatte, geradlinig bis zu den Knöcheln fallende Robe. Grundsätzlich mit der linken Seite über die rechte Seite gewickelt, wird der Kimono anstelle von Knöpfen durch einen am Rücken geknoteten Gürtel, den obi, zusammengehalten.

Form, Länge der Ärmel, Muster und Stoff, aber auch die Farbe bestimmt den Förmlichkeitsgrad eines Frauenkimonos. Männerkimonos haben es hingegen bei einer einzigen Schnittform und meist dunkler Farbpalette einfacher. Die Förmlichkeit wird hier durch Typ und Farbgebung der Accessoires, dem Stoff, sowie Anzahl – oder Fehlen – des mon, des Familienwappens, bestimmt. Formelle Anlässe verlangen nach Seiden-Kimonos, lässigere lassen sich auch in Baumwoll-Kimonos meistern.

Schnell assoziiert man dieses Kleidungsstück mit der Zweidimensionalität von japanischen Darstellungen auf Kunstdrucken und Holzvertäfelungen. Während zeitgleich auf dem europäischen Schauplatz die Damen der höfischen Gesellschaft in faltenreich wallenden Kleidern durch die Parkanlagen promenierten, setzten die Japaner auf Harmonie von Form und Linie im Einklang mit der Natur.

Geklemmt oder gefaltet?

Für die Entwicklung der westlichen Mode unvorstellbar, hat sich die Form des Kimonos über die letzten Jahrhunderte nicht verändert. Ungeachtet des Geschlechts, der Körpergröße oder der Leibesfülle, orientierte sich die Standardgröße an den durchschnittlichen Körpermaßen der Japaner. Was nicht passte, wurde passend gemacht. Minimal geschnitten und genäht, wurde der Stoff geklemmt und gefaltet in Form gebracht. Eine äußerst reversible Fertigungsmethode die auch den schonenden Waschvorgang durch vorheriges Lösen der Nähte möglich machte.

Im Leben einer Japanerin und eines Japaners verlangt jedes bedeutende Fest nach seinem besonderen Kimono. Von Männern bei Hochzeiten, zur Teezeremonie oder auch zu bestimmten Sportarten getragen, passt sich der weibliche Kimono auch dem fortschreitenden Alter seiner Trägerin sowie der jeweiligen Jahreszeit an. Mit der Hochzeit verstummen die schrillen Farben und werden durch das dezentere Farbregister der Pastell- und Brauntöne ersetzt. Die japanische Frau sieht diesen Verzicht durchaus philosophisch, lässt es sich aber nicht nehmen, die fehlende Farbenpracht durch die Feinheit der Stoffe und Drucke wettzumachen.

Ein Kimono für einen Kleinwagen

Viel Handarbeit und die Verwendung auserlesener Materialien lassen den Kimono schnell zu einem Konkurrenzprodukt für einen Kleinwagen werden. Je nach Qualität variiert die Preisspanne zwischen 100 und über 10.000 Euro. Bei der Anschaffung einer kompletten Damen-Kimono-Ausstattung inklusive Unterkleid, traditionellem Schuhwerk und Zubehör wie Fächer, Handtasche und Haarschmuck kommt man leicht auf rund 20.000 Euro.

Der obi ist bei Frauen oft das teuerste Stück der Bekleidung. Soll die Schärpe den Kimono eigentlich nur vom wenig eleganten Herumflattern abhalten, so stiehlt er ihm mit bis zu 4 m Länge und 30 cm Breite fast die Show. Allein ein einzelner obi kann in der hochwertigen Ausführung mehrere tausend Euro kosten. Komplizierte Binde-Möglichkeiten machen den Damen ein Ankleiden ohne professionelle Hilfe schier unmöglich. Leichter haben es da die Männer. Die rund 5 cm breite Schärpe wird mit einem schlichten Knoten versehen und ist zudem wesentlich günstiger als ihr weibliches Gegenstück.

Nicht verwunderlich also, dass die Anschaffung eines Hochzeits-Kimono, die Königin unter den Kimonos, so manche Familie in den Ruin treiben kann. Die Miete eines Brautkimonos beläuft sich hingegen „nur“ auf mehrere Tausend Euro. Wertvolle Stücke werden daher gerne an die nächste Generation weitergereicht. Bei Flecken und anderen Gebrauchsspuren werden die guten Stücke einfach zu Kinderkimonos, Accessoires oder zum Bespannen von Dosen für die traditionelle Teezeremonie weiterverarbeitet. Auch der Handel mit gebrauchten Kimonos floriert prächtig und manch gutes Stück lässt sich auf Flohmärkten ergattern.

Mit der Auswahl des adäquaten Kimonos ist es jedoch nicht getan. Eine typische Kimono-Ausstattung für Frauen benötigt gut zwölf oder mehr Einzelstücke und jedes Teil muss auf eine bestimmte Weise angelegt sein. Professionelle Kimono-Anlegehilfen unter ihrer Dienerschaft zu haben, war daher für eine wohlhabende Japanerin nichts Ungewöhnliches. Sie bilden noch heute einen eigenen Berufsstand, müssen eine entsprechende Lizenz erwerben und lassen sich für besondere Anlässe anstellen.

Die Feste Shichi go san und Seijin Shiki sind lebendige Beispiele dafür, dass heute nicht nur die älteren Generationen mit der traditionellen Faser wieder verstärkt auf Tuchfühlung gehen. Westlichen Trends wird zwar weiterhin viel Platz im japanischen Kleiderschrank zugestanden, zeitgleich entsteht jedoch eine neue Sensibilität für die eigene Textiltradition und der Wunsch, diese stückweit neu zu erleben. Wie exotische Blumen tauchen sie dann auf – an der nächsten Straßenbiegung, auf der Rolltreppe eines Kaufhauses oder in der U-Bahn – und überstrahlen elegant ihre gesamte Umgebung.

Schön, aber bitte günstig!

Ein Zwischenstop an der Yamanote-Station Harajuku am Togo-Schrein macht jeden Tokyo-Aufenthalt um einige Fäden reicher. Je nach Qualität können dort Kimonos ab 500 Yen erstanden werden. Ein handgemalter Seidenkimono darf selbst auf dem Flohmarkt 7.000 Yen oder mehr kosten. Vorsicht geboten ist bei der teilweise teuflisch überzeugenden Kunstseide, die zum Teil nur durch Brennprobe zu entlarven ist. Ob Sie jedoch der Händler in diesem Fall ohne Bezahlung der Ware gehen lässt, ist fragwürdig. Zum Trost: Kunstfaserdrucke, die im Kaufhaus neu das hundertfache kosten, gibt es hier ab 1.000 Yen.

Die Kunst ist es vielmehr, die unbeschädigten und fleckenlosen Kimonos ausfindig zu machen. Die schwarzen Festtagskimonos, tomesode genannt, sind in dieser Hinsicht die wahrscheinlichste Beute. Hellfarbene Kimonos für junge Frauen sind oftmals durch Flecken entstellt und nur noch für die Weiterverarbeitung gut. Ein Tischläufer wird sich auf jeden Fall daraus zaubern lassen. Bestickte Hochzeitskimonos aus Seide kosten 7.000 Yen aufwärts. Bei grauen oder schwarzen Männer-Kimonos sollt man unbedingt einen Blick in das Innenleben werfen. Oft ist das Futter ein Traum in bemalter Seide.

Unser Tipp: Eigene Fühlproben in den gut sortierten Kimonoabteilungen der Kaufhäuser üben im Erkennen der unterschiedlichen Stoffqualitäten. Dabei gilt: fühlen, fühlen und nochmals fühlen!

Autor: Ann-Karin Heyer
Bild : Shutterstock
erschienen in: Body&Mind, Ausgabe 03-2010