Zahme Radikalfänger
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sind die beiden Haupt-Todesursachen in der westlichen Welt: Jeder zweite stirbt den Herztod oder erliegt einem Hirnschlag, jeder vierte einem bösartigen Tumor. Das liegt unter anderem daran, dass wir so alt werden. In ärmeren Regionen dieser Erde sterben die Menschen vielfach schon im Kindesalter an Infektionen, durch Unfälle oder Hunger und Krieg. Wir Wohlstandsbürger könnten den Herztod mit 85 folglich als Luxus ansehen. Doch wir möchten auch dieses Schicksal möglichst lange herauszögern.
Oxidiertes Fett als Ursache?
Lange Zeit machten Wissenschaftler einen hohen Fett- und Cholesterinverzehr für vorzeitigen Herztod verantwortlich. Mangels Beweisen für diese Hypothese mussten sie sich später jedoch auf die Suche nach einer anderen Erklärung machen. Es zeigte sich, dass Fette und Cholesterin im Blut von Infarktpatienten oder -kandidaten oft durch Sauerstoff ungünstig verändert waren – in der Fachsprache heißt es, sie waren oxidiert. Wenn oxidiertes, also sauerstoffgeschädigtes Fett und Cholesterin tatsächlich die Blutgefäße verstopfte und so Herzinfarkte und Schlaganfälle provoziert, dann müsste sich dieser Vorgang durch sogenannte Antioxidantien aufhalten lassen, so jedenfalls die neue Hypothese. Antioxidantien sind Stoffe, die einer Schädigung durch Sauerstoff entgegenwirken oder die dabei entstehenden freien Radikale abfangen. Antioxidativ wirken unter anderem die Vitamine A, C und E sowie die Vitamin-A-Vorstufe Beta-Carotin. Würden sie auch vor Herzinfarkt schützen?
„Carotin und Vitamin E schützen nicht vor Herzattacken“ meldete die Nachrichtenagentur Reuters Health am 22. August. In der amerikanischen Ärzte-Gesundheits-Studie hatte man das Blut von über 500 Medizinern, die im Lauf der 13 Jahre dauernden Untersuchung einen Herzanfall erlitten hatten, auf seinen Gehalt an Vitamin E und Beta-Carotin analysiert und mit dem Blut von Gesundgebliebenen verglichen. Beta-Carotin und Vitamin E gelten als besonders gesund, weil sie genaud jene freien Radikale fangen, die als Ursache von Herzinfarkt, Krebs und Alzheimer gelten. Doch der erhoffte Effekt blieb aus. Nur ein Einzelfall? Keineswegs.
Vorsicht vor hoch dosierten Antioxidantien
Die bisher vorliegenden wissenschaftlichen Studien am Menschen sprechen gegen eine Schutzfunktion durch hochdosierte Antioxidantien: Während die meisten Untersuchungen schlicht eine Wirkung der Vitamine A, C und E verneinen, ist die Situation beim Beta-Carotin Besorgnis erregend: Im Glauben an dessen Schutzfunktion verabreichte man es jahrelang hochdosiert an Risikogruppen, um deren Lungenkrebs- und Herzinfarktrisiko zu senken. Die Ergebnisse waren schockierend:
• In der sogenannten Finnland-Studie mit 30.000 männlichen Rauchern, die acht Jahre lang Vitamin E und Beta-Carotin erhalten hatten, war sowohl das Lungenkrebsrisiko als auch die Sterblichkeit gestiegen.
• Die CARET-Studie, bei der 18.000 Raucher und Asbestarbeiter Beta-Carotin und Vitamin A erhielten, wurde vorzeitig abgebrochen, weil Lungenkrebsrate und Sterblichkeit ebenfalls gestiegen waren.
Eine Riesenenttäuschung
Die Ergebnisse resultieren aus der Natur dieser Antioxidantien: Die „Radikalfänger“ werden bei ihrem Job, Radikale zu fangen, selbst zum Radikal. Sie sind zwar relativ beständig – aber nur in niedriger Dosis, so wie sie beispielsweise in natürlichen Lebensmitteln vorkommen. Hochdosiert bewirken praktisch alle Antioxidantien das Gegenteil: Sie beschleunigen die Oxidationen und den Verderb. Das Motto „viel hilft viel“ gilt für Antioxidantien keinesfalls.
Die einzige positive Nachricht in Sachen Beta-Carotin resultiert aus der oben genannten Ärzte-Studie aus den USA. In dieser relativ gesundheitsbewussten Gruppe, in der nur 11 Prozent rauchten, richtete es wenigstens keinen Schaden an. Geschützt hat der Stoff allerdings auch nicht, weder gegen Infarkt noch gegen Krebs. Der leitende Mediziner Charles Hennekens von der renommierten Harvard-Universität bezeichnete die Studie als die „größte Enttäuschung“ seiner Laufbahn.
Offizielle „Nicht-Empfehlung“
Wenigstens steht Professor Hennekens nicht allein, denn nun ist es offiziell: Eine eigens eingerichtete Kommission hat in den USA die vorliegenden Studien über Vitamine zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen systematisch ausgewertet. Der Bericht liegt seit Juli vor. Darin kommt die Kommission zu dem Schluss, dass es nicht genügend Daten gibt, um die Vitamine A, C oder E, Multivitamine mit Folsäure oder Kombinationen von antioxidativen Vitaminen zum Schutz vor Infarkt oder Krebs zu empfehlen. Denn auch die Vermutung, dass die Kombination verschiedener B-Vitamine (B6, B12 und Folsäure) vor Herzinfarkt oder Darmkrebs schützt, ist (noch) nicht belegt. Von Beta-Carotin rieten die Experten aufgrund der oben beschriebenen Studien eindeutig ab.
Man wolle die Verbraucher zwar nicht generell vom Konsum von Vitaminpräparaten abhalten, heißt es im Abschlussbericht, denn bestimmte Mangelerkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder hohes Alter könnten eine Ergänzung der Nahrung mit Vitaminen durchaus sinnvoll machen. Einen Nutzen in der Krebs- und Infarktprophylaxe sollten sie sich aber nicht versprechen. Außerdem, so die Botschaft an die Ärzte und Ernährungsberater, möge man die Verbraucher und Patienten doch weiterhin darauf hinweisen, dass die Einnahme von Vitaminen keinesfalls eine gesunde Ernährung ersetze, sondern bestenfalls bestehende Lücken schließen könne.
Lieber essen als ergänzen
Unsere herkömmlichen Lebensmittel reichen in den allermeisten Fällen aus, um den Bedarf an Vitaminen und Antioxidantien zu decken. Wer gesund essen möchte, kann also getrost bei Obst und Gemüse, Fisch, Fleisch, Brot, Käse und Milchprodukten bleiben. Ein bisschen sündigen ist ebenfalls erlaubt, denn auch Wein und Schokolade enthalten Antioxidantien. Das Gute daran ist nicht nur das Gute darin, sondern auch die Tatsache, dass mit herkömmlichen Lebensmitteln normalerweise keine Überdosierungen zu erwarten sind. Eine Ausnahme stellen die teilweise hohen Vitamin-A-Gehalte in Leber dar, die für Schwangere problematisch sein können.
Wer einen Mangel befürchtet oder bereits krank ist, gehört zum Arzt. Der kann nach einer ordentlichen Diagnose ein Medikament verschreiben und gegebenenfalls ein angemessenes Vitaminpräparat empfehlen. Alles andere, was da so empfohlen und verkauft wird, ist in erster Linie ein Geschäft mit unserer Angst vor Alter und Krankheit.