Gutes Selen – schlechtes Selen
Es ist zwar ein lebensnotwendiges Spurenelement, doch unser Körper benötigt davon nur einige Millionstel Gramm täglich. Seine Aufgaben erfüllt es als Bestandteil von Enzymen und als Modulator des Immunsystems, etwa als Baustein von Entgiftungsenzymen in der Leber oder Enzymen, die die Schilddrüsenfunktionen steuern.
Selen ist eins der verbreitetsten Elemente auf der Erde. Es ist mit dem Schwefel verwandt und kann wie dieser in vielen verschiedenen Verbindungen vorkommen (anorganischen und organischen). Die Selengehalte im Erdboden schwanken regional stark: In manchen Gegenden Neuseelands finden sich nur 0,1 Milligramm pro Kilo Boden, im Norden Irlands können es bis zu 1,2 Gramm pro Kilo sein. Das ist der Grund, warum die Selengehalte in Lebensmitteln je nach Herkunft stark schwanken. Sie hängen unter anderem von den Böden ab, auf denen die Pflanzen wuchsen, und vom Futter, das die Tiere fraßen.
In Deutschland enthalten die Böden eher wenig Selen. Doch leiden wir deshalb an chronischem Selenmangel? Zwei Argumente sprechen dagegen: Erstens wird dem Futter unserer Nutztiere meist Selen beigegeben. Und zweitens essen wir in der Regel ja nicht Lebensmittel aus der näheren Umgebung, sondern aus aller Herren Länder.
Populäres Nahrungsergänzungsmittel
Nachdem in einigen Studien beobachtet wurde, dass eine höhere Selenzufuhr mit geringen Krebsraten und niedrigeren Herzinfarktraten einherging, kamen Selenpräparate zur Nahrungsergänzung auf. Über Jahre hinweg gab es in Deutschland nur selenhaltige Hefen zu kaufen. Inzwischen bietet der Markt eine Fülle an Selenpräparaten, z.B. Selenocystein, Selenomethionin (organisch) oder Natriumselenit (anorganisch). Doch schützen sie vor Krebs und Infarkt? Und: Wie sicher sind solche Präparate?
Eine aktuelle, große Studie ergab beispielsweise, dass hohe Selengehalte in den Zehennägeln, die auf eine langfristige hohe Selenzufuhr schließen lassen, mit geringen Raten beim Prostatakrebs einhergingen. Kann man daraus schließen, dass zusätzliche Selenzufuhr mit Präparaten vor Krebs schützt? So einfach ist es nicht, wie eine große Studie zeigt, in der Selenpräparate zur Krebsvorbeugung getestet wurden. Die Wissenschaftler wollten bei Hautkrebspatienten mit 200 Mikrogramm Selenhefe täglich das Auftreten weiterer Tumoren verhindern. Das klappte zwar nicht, zu ihrer Überraschung fanden sie jedoch weniger Lungen-, Darm- und Prostatakrebs bei ihren Versuchsteilnehmern. Mit diesen Ergebnissen wird seither kräftig die Werbetrommel für Selenhefe gerührt.
Wer die Studie genauer prüft, wird jedoch enttäuscht: Die gesamte Krebshäufigkeit der Studienteilnehmer entsprach dem Landesdurchschnitt, war also nicht erniedrigt. Auch die Gesamtsterblichkeit war nicht gesunken. D.h., dass jene, die keinen Lungen-, Darm- oder Prostatakrebs bekommen hatten, im gleichen Zeitraum an etwas anderem gestorben sind. Dieses Ergebnis spricht jedenfalls auch dagegen, dass Selen vor Herzinfarkt oder anderen Todesursachen schützt. Wäre dem so, hätte die Gesamtsterblichkeit in dieser Studie sinken müssen.
Organisches oder anorganisches Selen?
Zudem sind die Befürworter von Selenpräparaten heillos zerstritten: Manche schwören auf anorganisches Selenat oder Selenit, andere raten zu organischen Selenverbindungen. Letztlich ist die Sachlage ungeklärt. Das wäre halb so schlimm, hätte sich Selen im Tierversuch nicht als ausgesprochen tückisch erwiesen: Mal hemmte es Krebs, mal förderte es ihn. Mal wirkte es antioxidativ, mal prooxidativ. Mal schützt es vor Infektionen, mal verschlimmert es sie. Daneben kann es den Stoffwechsel des Eisens beeinträchtigen.
Auch die Tatsache, dass Selenpräparate (240 Mikrogramm täglich) beim Menschen zu veränderten Leberwerten geführt haben und dass es bei Kindern bestehende Schilddrüsenstörungen verstärkt hat, sollte uns skeptischer gegenüber diesem Spurenelement werden lassen. In selenreichen Gegenden kam es immer wieder mal zu Vergiftungen und Leberschäden bei Nutztieren. Arbeiter, die Selenverbindungen ausgesetzt sind, klagen über Nervosität, Depressionen, Hautschäden und Magen-Darm-Störungen. Selenvergiftungen zeigen sich beispielsweise an einem ausgeprägten Knoblauchatem.
Nebenwirkungen
Als Nebenwirkungen von Supplementen wurden Übelkeit, Nagelveränderungen, Reizbarkeit, Müdigkeit und Nervenschäden beobachtet. Wo Böden und Wasser von Natur aus sehr selenhaltig sind, häufen sich Karies, Nagelverluste, Haarausfall. Gelegentlich kommt es zu Nervenleiden oder Lähmungen.
Gut und böse liegen beim Selen also dicht beieinander. Deswegen rate ich davon ab, ohne Not, also ohne ärztliche Indikation Selen-Supplemente einzunehmen. Nach dem heutigen Kenntnisstand können wir ausreichend Selen über die Lebensmittel aufnehmen. Das ist nicht nur sicherer, sondern auch kulinarisch interessanter, als teure Pillen mit zweifelhaftem Nutzen zu schlucken.