Heilsamer Humus:
Das schwarze Gold des Erde

O, schaurig ist's, übers Moor zu gehen ...". Was Annette von Droste-Hülshoff in einer Ballade von 1841 so eindrucksvoll beschrieb, veranschaulicht die Vielzahl von Mythen, die sich seit jeher um das Moor ranken. Was sich in diesen Geschichten nicht widerspiegelt: seine Bedeutung für Gesundheit und natürliche Schönheit.

Schmatzend und gurgelnd zieht die dunkle Masse ihre Opfer unwiederbringlich in die Tiefe. In Kindertagen bescherten diese Märchenpassagen unruhige Nächte, heute besteht dafür bei einer Zubertiefe von rund 60 Zentimetern keine Chance. Bis oben mit der schlickigen Massen gefüllt, ist das erste Zögern schnell überwunden und man reckt sich wohlig in der trägen Masse.

Seine Einsatzgebiete sind vielfältig, ob Gastroenterologie, Urologie, Gynäkologie oder Dermatologie. Verantwortlich ist dafür seine Fülle an bioaktiven Pflanzenstoffen. Sie machen aus Naturmoor unter anderem einen wertvollen Helfer in der Physikalischen Therapie, wo er besonders bei rheumatisch- und chronisch-degenerativen Gelenkerkrankungen sowie muskulären Verspannungen eingesetzt wird. Darüber hinaus werden Naturmooranwendungen positive Effekte auf das Nervensystem und die Abwehr- und Selbstheilungskräfte zugeschrieben. Wir wollten der zähflüssigen Substanz ihr Geheimnis entlocken.

Zersetzt und doch bewahrt

Bis zu 15.000 Jahren dauert es, bis aus verrotteten Pflanzen, Gräsern, Ästen und Wurzeln ein Moorgebiet entsteht. Der organische Schlamm entsteht aus der stufenweisen Zersetzung pflanzlicher Stoffe in einer permanent feuchten Umgebung. Infolge des geologischen Drucks verdichten sich die einzelnen Bestandteile. Dem Sauerstoffausschluss ist es wiederum zu verdanken, dass es zu einer vollständigen Zersetzung der organischen Grundsubstanzen kommt. Es entsteht eine homogene dunkelbraun-schwarze Magma. Und das Besondere dabei: Innerhalb dieses Transformationsprozesses bleibt die Substanz der Pflanzenbestandteile bewahrt. Dass sie für den Menschen von so hohem Nutzen ist, dafür sind Humus- und Gerbstoffe, Zellulose, Stickstoff sowie Mineralien wie Eisen, Eisensulfat und Schwefel verantwortlich. Sie machen aus Moor eine Substanz von hohem therapeutischen Wert.

Besondere Bedeutung hat Schwefel, so Jens Friedrich Holsing, Geschäftsführer des Gesundheitszentrums HolsingVital am Wiehengebirge, seit über 60 Jahren anerkanntes Moorheilbad: „Schwefel besetzt die Schmerzrezeptoren und trägt dadurch zur Schmerzlinderung bei. Durch die Kombination der pflanzlichen Bestandteile kann sich wiederum das Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen und Gelenken verbessern.“ Weiterhin sagen Experten dem Moor wegen seines Huminsäuregehalts eine Neutralisierung von Ausscheidungsprodukten des Körpers nach – auch dies mit reinigendem Effekt. Das macht Mooranwendungen auch zur Entgiftung, Entschlackung und zur Verbesserung des Hautstoffwechsels sinnvoll.

Die wahrscheinlich ersten Aufzeichnungen zur Anwendung von Heilmoor rühren von Galen und Plinius, große Mediziner der ägyptischen Zeit, die Moorschichten aus dem Nil therapeutisch einsetzten. Auch die Römer und Kelten behandelten ihre Wunden mit Moor. Im 16. Jahrhundert beschrieb der berühmte Arzt und Alchemist Paracelsus Moor als die „Quintessenz des Lebens“.

Jend Friedrich Holsing zu der Frage, für wen eine Mooranwendung sinnvoll ist: „Moor ist für fast jede Altersgruppe, jedoch nicht für jeden Menschen geeignet. Menschen mit Krampfadern, offenen Wunden oder Ekzemen, bösartigen Tumoren, akuten Entzündungen oder Infektionen sowie schweren Herz-Kreislauf-Krankheiten ist davon abzuraten.“ Ein Moorbad sollte außerdem immer mit einer Aufsichtsperson genommen werden. Nach Beendigung sollte man sich eine längere Zeit der Ruhe gönnen, ähnlich wie nach einem Saunagang. So kann der Organismus wieder vollständig regenerieren. Ausreichend Mineralwasser trinken unterstützt die reinigende Wirkung auf den Körper.

Moor-Schönheiten

Der kosmetische Nutzen von Moor resultiert aus den enthaltenen Ölen, Fettsäuren und Lipoiden. Während sie in den meisten Kosmetika künstlich zugesetzt werden, sind sie im Moor in natürlicher Form enthalten. Sie durchdringen das subkutane Gewebe und binden sich mit den Eiweißstoffen der Haut. Eine Austauschreaktion von Ionen wird angeregt und der natürliche ph-Wert der Haut wieder hergestellt. Durch die gesteigerte Durchblutung des Zellgewebes und die Moorbestandteile wird die Haut zudem entgiftet, gereinigt und gestrafft.

Moor ist auf natürliche Weise hypoallergen, entzieht überflüssiges Hautfett bzw. führt Feuchtigkeit zu. Der Bedarf an Cremes, die nach Hauttyp differenzieren, entfällt weitgehend. Studien nennen immer wieder die aktiven Pflanzenbestandteile des Moors als hilfreiche Wirkstoffe, um Hautprobleme einschließlich Akne, Ekzeme, Schuppenflechte, Verbrennungen, Narben, Schwangerschaftsstreifen und Cellulite zu behandeln. Beispiel Cellulite: Die Gewebeeinlagerungen Cellulite ist eine Einlagerung im subkutanen Gewebe, die ausgelöst wird durch eine Ansammlung von Giftstoffen und Stoffwechsel-Restprodukten. Geringe Durchblutung und Flüssigkeitsspeicherung tun das Ihrige und führen zu den unschönen Hautdellen. Moorbehandlungen beeinflussen beides, die Entzündung und ihre Ursachen, und sind daher eine geeignete Behandlungsmethode. Bei Gewichtsabnahme unterstützen Moorbäder bzw. -packungen die Regeneration der Haut.

Die Wärme bringt´s

Zugegeben, Naturmoorbäder sehen auf den ersten Blick nicht sehr einladend aus: eine dickflüssige braune bis schwarze Masse, durchsetzt mit kleinen Blättern, Stängelresten oder Pflanzenfasern. All das wirkt eher wie eine schlammige Pfütze und nicht wie ein einzigartiges Erlebnis für Körper, Geist und Seele. Doch das warme Torfmoor kann viel bewirken und einmal eingetaucht, will sich kaum einer mehr der wohligen Atmosphäre entziehen. Seine Besonderheit: Das auf 42 bis 46 Grad erhitzte Moorbreibad leitet Wärme schlecht weiter und gibt seine Temperatur im Gegensatz zu anderen Bädern nur sehr langsam ab. Damit es seine Beschaffenheit beibehält, wird Naturmoor mit Mineralwasser angereichert. Der so entstandene Moorbrei wird dann als Bad oder Packung angeboten und kommt entweder für bestimmte Körperregionen als Naturmoorpackung oder für den ganzen Körper als Moorbreibad zum Einsatz. Die systemische Wirkung durch Erhöhung der Kerntemperatur um circa zwei Grad erzeugt im Körper eine Art künstliches Fieber, welches eine Aktivierung des Immunsystems und der Selbstheilungskräfte bewirkt. Warm aufgetragen oder eingetaucht, öffnen sich die Hautporen zur Aufnahme der Wirkstoffe. Bei lokal angewandten Naturmoorpackungen dringt die Wärme beispielsweise bis zum Inneren der Gelenke vor, besonders angenehm für Menschen mit chronisch- degenerativen Gelenkbeschwerden oder Bechterewscher Wirbelsäuleneinsteifung.

Bäuerische Badekultur

Schon seit einigen Jahrhunderten sind Mooranwendungen im Gesundheitswesen nicht mehr wegzudenken. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Bayern bildeten sich sogenannte „Bauernbäder“. Dort besuchten im 18. und 19. Jahrhundert die Bauern der Gegend, aber auch ihre Knechte und Mägde, das Badehaus zur Linderung von rheumatischen Erkrankungen, Gicht oder auch Ischiasleiden, „Früchte“ der beschwerlichen Arbeit in der Landwirtschaft. Speziell im 18. Jahrhundert erfuhren Heil- und Gesundheitsbäder in Deutschland einen regelrechten Boom, die großen und vornehmen Bäder waren jedoch Adel und Großbürgertum vorbehalten. So entstand rund um die Heilquellen eine regelrechte Bauernbadkultur. In Pferdekutschen kamen oftmals gleich mehrere Hofangestellte mit. Und wer eine längere Anfahrt hatte, konnte in Form einer Kur auch vor Ort logieren.

Heute bleibt uns zwar die schwere Landarbeit erspart, viele Beschwerden jedoch leider nicht. Und so kann man noch heute die alten Kutschwege zu einem Moorheilbad nutzen, allerdings in geteerter Form.

Bergkiefernhochmoor:

Bad Kohlgrub und Bad Bayersoien

Bitte einsteigen! Die Heizkessel haben das Bergkiefern-Hochmoor auf die richtige Temperatur gebracht. Jetzt dampft es bei bis zu 43 Grad in der Wanne – das Moorbad ist angerichtet. Wer nun den Bademantel abstreift, langsam hinein steigt und bis zu 20 Minuten in der „schwarzen Daune“ schwebt, gönnt Körper und Geist eine wahre Wohltat.

Das Moor aus Bad Kohlgrub und von Bad Bayersoien zählt zu den wissenschaftlich am besten erforschten. Entstanden sind die Wirkstoffe aus den Bergkiefern, die vor der letzten Eiszeit hier wuchsen. Dazu Kurarzt Stephan Lauter aus Bad Kohlgrub „Die schonende Wärmeabgabe führt zu einer intensiven Durchwärmung von schlecht durchbluteten Körperregionen. Die Wirkstoffe lösen zudem die Ausschüttung körpereigener Hormone aus.“ Das wussten die Frauen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts und reisten zur Moorkur in die Ammergauer Alpen, um dem Storch auf die Sprünge zu helfen. Was verblüffend klingt, bewies sich bereits mehrfach: Moor kann bei ungewollter Kinderlosigkeit zur Schwangerschaft verhelfen.

Begonnen hat alles im 19. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt trafen sich Vertreterinnen der gehobenen Gesellschaft in Bad Kohlgrub, der ersten Moor-Metropole der Ammergauer Alpen. Sie stiegen in die mit warmen Torf gefüllten Wannen. Und während man früher in erster Linie die Kurschatten für die gesteigerte Fruchtbarkeit der Moorbäder verantwortlich machte, wurde die biochemische Wirksamkeit des Bad Kohlgruber Moors im Jahr 2005 durch eine Studie von André Michael Beer (Balneologisches Institut in Bad Aachen) nachgewiesen.

In der Moor-Metropole Bad Kohlgrub schwebt man besonders hoch in der „schwarzen Daune“. Der Kurort auf 900 Metern ist Deutschlands höchst gelegenes Moorheilbad. Wer die Idylle eines natürlich gewachsenen bayerischen Bilderbuchdorfes genießen möchte, ist im benachbarten Bad Bayersoien richtig. Im Eingangstor zum größten Naturschutzgebiet Bayerns warten zahlreiche Touren durch die Voralpenlandschaft, vorbei an reißendem Wildwasser, durch romantische Schluchten oder rund um den idyllischen Soier See.

Zu buchen gibt es zahlreiche Rundum-Pakete. Die Auszeit für „Bürohocker“ beginnt mit einem ärztlichen Check-up und beinhaltet zwei Moorbäder, zwei Rückenmassagen, zwei Entspannungsbäder und Wanderungen durch die Moorlandschaft. Die gesunde Woche kostet mit sieben Übernachtungen in der Ferienwohnung zur Selbstverpflegung ab 395 Euro pro Person.

Informationen: Ammergauer Alpen GmbH, Eugen-Papst-Str. 9a, D-82487 Oberammergau, Tel. +49-8822-92274-48, www.ammergauer-alpen.de

Bergpanorama:

Bad Feilnbach am Wendelstein

Die Sumpflandschaft der „Rosenheimer Stammbeckenmoore" gehört zu den größten voralpinen Moorkomplexen. Noch vor 10.000 Jahren bedeckte ein See von der Größe des Bodensees das Gebiet zwischen Rosenheim, Bad Feilnbach und Raubling. In der Nacheiszeit füllte sich das vom Inngletscher ausgeschürfte Becken mit Schmelzwasser. Nach Trockenfallen des Sees entstand über dem tonreichen Seeboden eine faszinierende Sumpflandschaft.

Das anerkannte Moorheilbad und Naturheildorf am Fuße des Wendelsteins liegt idyllisch eingebettet im Bergpanorama des Inntals. Von Liebhabern der waldreichen, sanft hügeligen Umgebung und des milden Klimas wird es auch gerne als „Bayerisches Meran“ bezeichnet.

Die dort ansässigen Kliniken widmen sich speziell der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der orthopädischen Heilbehandlung, der Behandlung rheumatischer Erkrankungen sowie der onkologischen Rehabilitation. Angewendet werden auch Naturheilverfahren, alternative Heilmethoden, ayurvedische Heilkunde und traditionelle chinesische Medizin.

Informationen: www.bad-feilnbach.de, Tel. +49-8066-1444

Bauernbad zum Wohlfühlen:

Bad Holzhausen in Nordrhein-Westfalen

Das malerische Haus des Gastes, die „Große Aue“, und das sanfte grüne Band des Wiehengebirges prägen das Bild von Bad Holzhausen. Erstmalig 1033 erwähnt, sind die alten Rittergüter noch bewohnt. Tradition gibt es auch im Gesundheitszentrum HolsingVital. Das seit mehreren Generationen familiengeführte Gesundheitszentrum zählt zu den ältesten Bauernbädern der Region. Seine fast 300 Jahre alte Geschichte ist dem Moorvorkommen und der hauseigenen Schwefelquelle zu verdanken. Heute führt HolsingVital als moderne Fachklinik für orthopädisch-traumatologische Rehabilitation Heilverfahren und Anschluss-Rehabilitation durch.

Informationen: HolsingVital, Brunnenallee 3, D-32361 Bad Holzhausen, Tel. +49-5741-2750, info@holsingvital.de. Zum Kurort allgemein: www.kurort-holzhausen.de

Oberschwaben:

Sanfte Gesundheit aus dem Moor

Thermalwasser schätzten schon die Römer, Moor setzten bereits die alten Ägypter ein und Sebastian Kneipp entdeckte vor über 150 Jahren die Heilwerkung von kaltem und warmem Wasser. Im Kneipp- und Thermalkurort Bad Waldsee, im Herzen Oberschwabens, werden diese drei sanften Heilmethoden erfolgreich kombiniert: Das Moorbad fördert die Durchblutung und lindert Schmerzen in Knochen und Gelenken, ein Thermenbesuch im fluorid- und schwefelhaltigem Thermalwasser hilft bei Rheuma und Rückenbeschwerden, Kneippanwendungen halten mit Wechselgüssen und gesunder Ernährung fit. Das zehntägige Gesundheitspaket „Moor und Thermal“ mit drei Naturmoorbädern, drei Entspannungsmassagen, drei Bewegungsbädern, täglichem Thermenbesuch mit Wassergymnastik und Arztgespräch kostet 799 Euro pro Person im Doppelzimmer und 899 für Einzelreisende.

Informationen: Kur- und Gästeinformation, D-88339 Bad Waldsee, Tel. +49-7524-941342, www.bad-waldsee.de

Bad Wurzach im Allgäu:

Thermalquelle und Moorheilbad

Bereits seit 1936 wird die heilende Kraft des Bad Wurzacher Moors und Thermalwassers genutzt. Das größte, noch intakte Hochmoorgebiet Mitteleuropas lässt sich zu Fuß, im Oberschwäbischen Torfmuseum, auf dem Torflehrpfad oder bei einer Fahrt mit dem historischen „Torfbähnle" entdecken. Bad Wurzach ist außerdem das einzige Moorheilbad im Allgäu mit eigener Thermalquelle.

Tipp: Das Landhotel Allgäuer Hof kooperiert mit dem nahe gelegenen Vitalium Bad Wurzach, so dass Hotelgäste bequem Mooranwendungen über das Hotel buchen können (www.landhotel-allgaeuer-hof.de). Beachten werden sollte, dass Mooranwendungen vorab einer medizinischen Untersuchung bedürfen, die das Vitalium Bad Wurzach mit anbietet. Von spontanen Wellness-Kurztrips ist bei Mooranwendungen abzuraten.

Informationen: Kurverwaltung, Mühltorstraße 1, D-88410 Bad Wurzach, Tel. +49-7564-302151, www.bad-wurzach.de

Österreich:

Wandern & Essen im Moor

In einem Moor gibt es viel zu entdecken. Neben einer unglaublichen Artenvielfalt und der Schönheit der Landschaft ist das Moor Heimat für zahlreiche bedrohte Arten und Pflanzen – die man zum Teil sogar essen kann. Das wissen auch die vier Moorwirte in der Bregenzerwälder Gemeinde Krumbach. Sie laden in diesem Sommer zu geführten Wanderungen mit einem anschließenden Moormenü bei je einem der Moorwirte ein. Besonderes Highlight der Veranstaltungsreihe: Die bekannte Geschichtenerzählerin Hertha Glück begleitet Wanderungen und Essen mit ihren fesselnden Erzählungen, die unter die Haut gehen. Der 400 Quadratkilometer große Naturpark Nagelfluhkette, zu dem die "moore krumbach" zählen, ist der erste grenzüberschreitende Naturpark zwischen Österreich und Deutschland (www.naturpark-nagelfluhkette.de).

Termine: Jeden Donnerstag von Juni bis September (wetterunabhängig), 18-21 Uhr. Einzelbuchung 25 Euro, alle 4 Abende im Abo um 80 Euro, Informationen: www.moorroom.at, www.herthaglueck.at

Autor: Ann-Karin Heyer
Bild: Bad Wurzach
erschienen in: Body&Mind, Ausgabe 03-2010