Heilung

Hell erleuchtet

Auch im trüben Winter ein sonniges Gemüt – mit einer gezielten Lichttherapie

Grau in den verschiedensten Nuancen ist eindeutig die dominierende Farbe im Alltag der dunklen Jahreszeit. Einige Tiere verabschieden sich in den Winterschlaf, manch cleverer Vogel verschwindet vorerst ganz von der europäischen Bildfläche. Kein Wunder also, dass sich diese Tristesse früher oder später auch auf unser Gemüt niederschlägt. Jeder von uns kennt das Gefühl von Antriebslosigkeit, nie enden wollender Müdigkeit und der Trägheit, gar nicht erst aus dem Bett kriechen zu wollen. Schuld an diesem Winterblues-Phänomen ist das Hormon Melatonin. Es wird vom Körper bei Dunkelheit produziert und ist während den immer kürzer werdenden Tagen natürlich im Überfluss vorhanden. Eigentlich ist Melatonin sehr sinnvoll, denn es reguliert den Schlaf und signalisiert uns, wann es Zeit ist zu ruhen. Das ist gut, wenn man abends im Bett liegt, doch wer den ganzen Tag konzentriert arbeiten muss, quält sich bald mit halboffenen Augen durch den Tag.

Dunkelheit in der Seele

Sehr anstrengend und ernsthaft kann es für Betroffene werden, wenn diese Symptome immer wieder im Herbst und Winter auftreten und sich verschlimmern. Dann spricht man von einer saisonabhängigen Depression, auch SAD oder Winterdepression genannt. 10 bis 20 Prozent der Europäer leiden darunter. Hierbei handelt es sich um wiederkehrende Krankheitsepisoden, die mindestens zwei Jahre hintereinander auftreten. Die Symptome verbessern sich im Frühjahr und Sommer, doch in der dunklen Jahreszeit fühlen sich Betroffene müde und träge. Bei einer solchen Depression ist es vor allem der Mangel an Serotonin, der dem Organismus zu schaffen macht. Serotonin ist ein Neurotransmitter, ein Botenstoff, der für die Informationsübermittlung zwischen den Gehirnzellen sorgt. Doch wenn diese Übermittlung nicht richtig funktioniert, sind Konzentrations- und Schlafstörungen die Folge. Der Antrieb ist gehemmt und die Stimmung auf dem Nullpunkt.

Lichtvoll

Hier setzt die Lichttherapie an. Das helle Licht gelangt über den Sehnerv ins Gehirn und setzt die Ausschüttung verschiedener Stoffe in Gang. Es beeinflusst unsere innere Uhr, die wiederum das allgemeine Wohlbefinden, den Schlaf und auch den Appetit steuert. Durch die gezielte Bestrahlung mit Licht wird vermehrt Serotonin produziert, was als Stimmungsaufheller wirkt und die Melatoninproduktion drosselt. Sinnvoll ist es daher, die Behandlung morgens, gleich nach dem Aufstehen durchzuführen, um dem Körper zu signalisieren: Die Nacht ist vorbei, jetzt will ich voller Elan in den Tag starten! Würde man sich dagegen abends vor die Lichtquelle setzen, weil man sich morgens in seinem müden Trott nicht dazu durchringen konnte, bringt es den Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander, der bei Depressiven meist ohnehin schon gestört ist. Das Licht sorgt dafür, dass man nicht so schnell müde wird, obwohl es Abend ist und man eigentlich schlafen „dürfte“. Stattdessen möchte man seiner neugewonnenen Energie freien Lauf lassen. Es ist also eher davon abzuraten, abends Licht zu tanken, denn Sinn und Zweck der Therapie ist es schließlich auch, nach seinem inneren Takt zu leben bzw. seinen Körper wieder auf den Weg dorthin zu lenken. Um das Licht auch über den Sehnerv aufnehmen zu können, müssen die Augen während der Sitzung offen gehalten werden, damit die Helligkeit die Netzhaut des Auges erreicht. Allerdings ist es nicht nötig, direkt in das Licht zu sehen. Man kann also nebenbei auch lesen, essen oder arbeiten, solange man den Abstand von einem halben bis einem Meter zur Lichtquelle einhält. Vorsichtsmaßnahmen wie beim Kontakt mit echtem Sonnenlicht, kann man hier übrigens ruhigen Gewissens außer Acht lassen. Sie können sogar direkt in die Lichtquelle blicken, da bei Lichttherapiegeräten, der UV-Anteil herausgefiltert wird. So können Haut und Augen nicht geschädigt werden. Ein Solarium ist für eine Lichttherapie übrigens nicht zu empfehlen. In Maßen kann es durchaus hilfreich sein, jedoch erzielt es nicht die gleiche Wirkung wie eine Vollspektrum-Therapielampe. Denn zum einen ist dabei immer ein Augenschutz zu empfehlen bzw. sollten die Augen geschlossen bleiben, und zum anderen schädigt die UV-Strahlung die Haut.

Licht am Morgen ...

Die Anwendungen sollten konsequent täglich durchgeführt werden, auch an Tagen, an denen man sich symptomfrei fühlt. Hierbei ist sogar zu beobachten, dass der sehr helle Lichtkontakt den Betroffenen gerade an solchen Tagen des allgemeinen Wohlbefindens leichter fällt. Die Dauer richtet sich dabei nach der Lichtstärke der Lampe. Ab einer täglichen Bestrahlung von zwei Stunden bei 2.500 Lux oder von einer halben Stunde bei 10.000 Lux lässt sich in aller Regel die positive Wirkung feststellen. Mindestens 2.000 Lux sind vonnöten, damit eine positive physiologische Wirkung erzielt werden kann. Im Vergleich dazu bietet eine Innenbeleuchtung nur 300 bis 800 Lux, ein sonniger Sommertag dagegen etwa10.000 Lux. Unterschieden werden Lichttherapiegeräte und Wohlfühlleuchten. Letztere erzielen nur eine Lichtstärke von 1.000 Lux und dienen als Stimmungsaufheller. Sie sind nicht für den Therapieeinsatz gedacht und auch nicht entsprechend zertifiziert. Die therapeutischen Lampen lassen sich zum Teil bei Ärzten und Therapeuten ausleihen. Wenn man selbst eine kaufen möchte, kann man sich dazu in einem Sanitätshaus beraten lassen. Auch in Online-Shops werden Lichttherapiegeräte angeboten. Jedoch hat man hier nicht den Vorteil, sie ausgiebig vor Ort testen zu können. Die Kosten liegen zwischen 150 und 650 Euro. Obwohl es sich bei der Lichttherapie um ein von der wissenschaftlichen Medizin anerkanntes Verfahren handelt, dessen Wirksamkeit nachgewiesen ist, übernehmen die Kassen die Kosten selbst bei ärztlicher Behandlung und eindeutig diagnostizierter SAD nicht.

Qualität ist wichtig

Vergleichen und testen Sie die Produkte vorher. Die Lampe mit der höchsten Lichtstärke ist nicht unbedingt die Beste. Die Handhabung sollte einfach sein, und das Licht sollte nicht blenden. Empfehlenswert sind auch Leuchten mit einer diffusen Abdeckplatte, die das Licht stark streut. Dann ist man in seiner Beweglichkeit während der Lichtdusche nicht so stark eingeschränkt und bekommt auch noch genügend Lux, wenn man den Kopf etwas abwendet. Ernste Nebenwirkungen oder gar Schäden während der Lichttherapie wurden bisher nicht beobachtet. Gelegentlich können trockene Haut oder Kopfschmerzen auftreten, die aber nach einigen Stunden zurückgehen. Seien Sie jedoch vorsichtig, wenn Sie bei einer leichten Depression gleichzeitig Johanniskraut einnehmen. Hier kann es eventuell zu juckenden Hautrötungen kommen, da bestimmte im Johanniskraut enthaltenen Stoffe zu Lichtüberempfindlichkeit führen können. In diesem Fall ist es ratsam, das Problem mit dem behandelnden Arzt zu besprechen und das Johanniskraut eventuell abzusetzen.

Licht-Kick

Aber auch wenn Sie weder an Depressionen noch Hauterkrankungen leiden, können Sie von der Wirkung des Lichtes profitieren. Ein Wellness-Stündchen am Morgen vor den powergeladenen Leuchtquellen lässt Sie voller neuer Energie strotzen und den düsteren Monaten die kalte Schulter zeigen. Ihr gesamtes Wohlbefinden wird gesteigert und Ihre Abwehr gestärkt. Wer sich also nicht regelmäßig die Flucht in sonnige Länder ermöglichen kann, um seine Akkus aufzuladen, hat so die Möglichkeit einen Kurzurlaub mit (Sonnen-)lichtbad im heimischen Wohnzimmer zu genießen. Wenn auch das Wellenrauschen fehlt, der Erholungseffekt und der Frischekick sind ganz ähnlich. Zusätzlich zu einer Lichttherapie sollten Sie aber auch darauf achten, regelmäßig ins Freie zu gehen. Gerade wer die meiste Zeit in dunklen Räumen verbringt, setzt sich künstlichem Licht aus, das in seiner Intensität noch nicht mal mit dem Sonnenlicht grauer Tage vergleichbar ist. Für unser Gehirn ist es auch bei Zimmerbeleuchtung noch Nacht.

Lichtlose Arbeit

Besonders Schichtarbeitern sei die positive Wirkung des Lichtes ans Herz gelegt. Die ständig wechselnden Arbeitszeiten führen dazu, dass die innere Uhr nicht mehr weiß, woran sie sich orientieren soll. Kurze Lichtkuren zur rechten Zeit können beruhigen und einen geregelten Schlafrhythmus unterstützen. Manche Fluggesellschaften bieten ihren Passagieren auf Langstrecken zum Teil spezielle Kopfbedeckungen an, an denen eine helle Lichtquelle befestigt ist. So sollen die Folgen des Jetlags vor allem bei Langflügen durch verschiedene Zeitzonen besser verkraftet werden. Die Grenze zwischen wetterbedingter Verstimmung und behandlungsbedürftiger Krankheit ist fließend. Die Gründe für Antriebslosigkeit und Müdigkeit können vielfältig sein. Im Zweifelsfall ist es daher ratsam, sich an einen Arzt zu wenden. Dem wohltuenden Genuss einer Lichtdusche kann man sich aber in jedem Fall hingeben und so schlafende Lebensgeister wieder wecken und positive Lebensenergie tanken.

Linda Kröger