Zweischneidiges Eisen

Nicht erst seit Popeye wissen selbst Kinder, dass Spinat den wichtigen Nährstoff Eisen enthält – auch wenn sich der angeblich spektakulär hohe Eisengehalt des Spinats später als Tippfehler entpuppte. Keine Frage, Eisenmangel macht müde, schlapp und krank. Er gehört zu den häufigsten Mangelkrankheiten weltweit. Doch auch zu viel Eisen kann schädlich sein

Frauen scheinen besonders benachteiligt: Durch ihre Monatsblutung verlieren sie regelmäßig Eisen, sodass sie besonders vom Mangel bedroht sind. Schwangere müssen nach Ansicht vieler Mediziner ebenfalls mehr Eisen für ihren wachsenden Fötus aufnehmen. Denn schließlich beobachtete man, dass der Eisenpegel werdender Mütter während der Schwangerschaft abnimmt. Kleinkinder brauchen Eisen zum Wachsen, Pubertierende während der Pubertät. Und Kranke erst recht, weil bei jeder Infektion der Eisenpegel im Blut sofort steil abfällt.

Seit Jahrzehnten werden dieselben Argumente aufgeführt: Eisenmangel entstehe so leicht, weil unser Körper den Stoff aus der Nahrung schlecht verwerte, und weil unsere Nahrungsmittel grundsätzlich zuwenig Eisen enthielten. Gleichzeitig wird jedoch beklagt, wir äßen zuviel Fleisch. Das ist befremdlich, denn Fleisch und Innereien sind die besten Eisenlieferanten überhaupt: Sie enthalten nicht nur viel Eisen, sondern das in tierischen Lebensmitteln enthaltene ist auch besonders gut verwertbar (siehe Grafik).

Diäten fördern Eisenmangel

Seltsam erscheint auch die Vorstellung, dass beinahe ein Drittel der Menschheit, nämlich Frauen im gebärfähigen Alter, in ständiger Eisenmangel-Gefahr schweben soll. Würden viele von ihnen nicht ständig Diäten machen, um einer übertrieben mageren Figur nachzujagen, könnten sie leicht genug Lebensmittel essen, um ihre Eisenversorgung sicherzustellen. Denn Eisen ist das vierthäufigste Element der Erde. Und da es im Körper zentrale Funktionen erfüllt, wie z.B. den Sauerstofftransport mit Hilfe der roten Blutkörperchen, ist es doch recht unwahrscheinlich, dass es dem Menschen bis heute nicht gelungen sein soll, genug Eisen aus der Nahrung zu holen. Im Gegenteil: Die Klage der Ernährungsexperten, dass wir „nur“ rund 10% des Eisens aus der Nahrung ausnutzen können, sollte stutzig machen. Zumal auch viele Eisenpräparate, die vom Arzt verschrieben werden, schlecht vom Körper aufgenommen werden.

Könnte es sogar sein, dass sich der Körper gegen ein Übermaß an Eisen wehrt? Menschen mit erhöhtem Eisenspiegel erkranken beispielsweise viel häufiger an Infektionen. Denn auch die meisten Krankheitserreger benötigen Eisen für ihr Wachstum. Da es für sie lebenswichtig ist, reguliert der Körper das verfügbare Eisen stets auf ein niedriges Niveau herunter. Bei Infekten sinkt der Eisenpegel im Blut sofort ab. Eisenpräparate nützen also nicht immer unserer Gesundheit, sondern sie bauen auch schädliche Mikroben auf. Das erklärt auch den so genannten „Eisenmangel“ in den letzten Wochen der Schwangerschaft. Er ist eine uralte Versicherung gegen Infektionen bei der Geburt.

„Gefahrgut“ im Körper

Die Eisenmenge im Körper wird in erster Linie über die Eisenaufnahme aus dem Darm reguliert. Ist genug Eisen vorhanden, senkt der Körper die Aufnahme. Stellt er einen Mangel fest, so steigert er sie. Dieses System funktioniert bei ausreichender Ernährung normalerweise auch während der Schwangerschaft so gut, dass der mütterliche Organismus den Fötus alleine versorgen kann. Diese Anpassungsvorgänge lassen sich auf Dauer nicht „überlisten“, dazu ist das Eisen viel zu gefährlich für den Körper. Zwar erhöht beispielsweise der Verzehr von Vitamin C die Eisenaufnahme aus pflanzlichen Lebensmitteln (während der Verzehr von Vollkorn, Milch, Tee und Rotwein die Eisenverwertung hemmt). Über Jahre hinweg helfen jedoch nicht einmal Megadosen, die Eisenspeicher zu vergrößern. Sein Eisen handhabt der Organismus also eher wie „Gefahrgut“, denn es ist ein sehr reaktionsfreudiges Element. Er verpackt das Eisen sorgfältig in spezielle Eiweißkörper und schirmt es nicht nur vor unerwünschten Mikroben, sondern auch vor Reaktionen mit anderen Zellbestandteilen ab.

Freies Eisen ist sehr aggressiv. Es oxidiert lebenswichtige Stoffe, die dann Blutgefäße oder den Herzmuskel beschädigen können. So begünstigt ein Zuviel an freiem Eisen die Entstehung von Oxycholesterin. Das erklärt, warum Eisenüberschuss eine Ursache für Herzinfarkt und Arteriosklerose sein kann. Zuviel Eisen wird inzwischen auch als eine Ursache für Krebs diskutiert. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass eine hohe Eisenbelastung an der Tumorentstehung mitwirkt. Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass Blutspender seltener an Herzinfarkt und Krebs erkranken.

Nicht auf Verdacht einnehmen

Auf „Verdacht“ sollten daher keine Eisenzusätze eingenommen werden. Sie sind jenen Fällen vorbehalten, in denen vom Arzt ein tatsächlicher Mangel diagnostiziert wurde. Ein niedriger Hb- oder Eisenwert im Serum ist dafür kein geeigneter Parameter. Aussagekräftiger ist die Bestimmung des Ferritins im Serum. Nur das Ferritin, eine Speicherform des Eisens, gibt Auskunft über die Höhe der Eisenvorräte im Körper und ob eine zusätzliche Gabe wirklich notwendig ist.

Kein Zweifel: Auch heute noch gibt es in Deutschland Blutarmut, Eisenmangel und Eisenstoffwechselstörungen, die einer ärztlichen Behandlung bedürfen. Die Behauptung aber, ein beträchtlicher Teil der Frauen sei „krank“, weil ein willkürlich angesetzter Eisenwert unterschritten wird, ist unsinnig. Zugleich sollten tatsächlich niedrige Eisenspiegel nicht zur gedankenlosen Verabreichung von Eisen verleiten, bevor nicht die Ursache, z.B. eine verdeckte Infektion, abgeklärt ist.

Ulrike Gonder