Diabetes-Gefahr: Bin ich betroffen?
Traurige Zahlen: In Deutschland sind 50 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer im Erwachsenenalter übergewichtig. Ursachen für diese besorgniserregende Entwicklung sind zu wenig Bewegung und veränderte Essgewohnheiten. Ein überall verfügbares Angebot an kalorienreichen Speisen und die Zunahme von Fast Food und Fertigprodukten haben dazu geführt, dass vielerorts zu fett, zu süß und zu viel gegessen wird. Irreführende Werbeaussagen wie „reich an Vitaminen“ oder die Bewerbung als „Fitness“- oder „Wellnessprodukt“ verschleiern Fett- und Zuckerbomben. „Wenn wir nicht rasch für eine klare Lebensmittelkennzeichnung sorgen, steuern wir auf einen Ernährungskollaps ungeahnten Ausmaßes zu, warnt der Geschäftsführer von diabetesDE, Dietrich Garlichs.
Zu wenige Menschen kennen die Vorbeugungsmöglichkeiten und welche Risikofaktoren es überhaupt gibt. Da sich die Krankheit zudem häufig über Jahre hinweg unbemerkt entwickelt, wissen viele noch nicht einmal über ihre Erkrankung Bescheid. Die Dunkelziffer an Diabetes Typ 2 Erkrankten liegt laut Experten bei mindestens zwei Millionen. Insgesamt leiden etwa zehn Millionen Menschen bundesweit an Diabetes – Tendenz stark steigend. Typische Symptome der Zuckerkrankheit können starker Durst, vermehrtes Wasserlassen, Juckreiz, Abgeschlagenheit und auch Infektanfälligkeit sein.
Doch was läuft in einem zuckerkranken Körper genau ab? Dazu Dr. Matthias Kaltheuner, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der diabetologischen Schwerpunktpraxen in Nordrhein (BdSN): „Ursächliche Bedeutung hat das Stoffwechselhormon Insulin: Das einzige Hormon des menschlichen Körpers, das den Blutzuckerspiegel senken kann, transportiert bei Gesunden den als Glucose im Blut enthaltenen Zucker in die Zellen, wo er gespeichert oder in Energie umgewandelt wird. Bei Menschen mit Diabetes kann das Insulin seine Aufgabe nur eingeschränkt oder gar nicht mehr erfüllen. Unbehandelt verstopft der erhöhte Blutzucker langfristig die Arterien und zieht so Erblindungen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle nach sich.“
Gene & Umwelt: Ein ständiges Wechselspiel
Neben Bewegungsträgheit und falschen Ernährungsweisen wird häufig auch die genetische Veranlagung als Auslöser für Übergewicht verantwortlich gemacht. Bei allen wissenschaftlichen Befunden zur Erblichkeit von Übergewicht darf jedoch nicht vergessen werden, dass es sich dabei stets nur um eine Veranlagung handelt. Damit es auch wirklich zu Übergewicht kommt, gehört eine entsprechende Umwelt dazu. Die betreffenden Genvarianten für eine erhöhte Gefahr von Übergewicht können außerdem ganz verschiedene Auswirkungen haben: Dem einen schmecken fettige Speisen besonders gut, der andere kann Bewegung nicht leiden und der Dritte wiederum besitzt einen Darm, der (leider) sehr effektiv Fett und Kohlenhydrate aufnimmt.
Genvarianten wirken sich also auch auf unseren Lebensstil aus: Kommt dem einen das Essen nur selten in den Sinn, befindet sich ein anderer dagegen ständig in Verführung. Bei der Bewegung ist es ähnlich: Der eine hat aufgrund seiner genetischen Ausstattung einen ausgeprägten Bewegungsdrang, kann schwer länger als zwei Stunden sitzen und ist Mitglied in drei Sportvereinen. Ein anderer versucht, jede unnötige Bewegung zu vermeiden, und liebt es, einen Spielfilm nach dem anderen zu schauen. Und ob jemand seinen Appetit zügeln kann, ist ebenfalls teilweise von Erbanlagen abhängig.
Jeder Mensch passt seine biologisch vorgegebenen Eigenschaften also der Umwelt an. Aber auch die Rückkopplungen aus der Umwelt, vor allem die Erziehung, spielen eine wichtige Rolle: Geschmacksvorlieben etwa werden durch das Essen im Säuglings- und Kleinkindesalter mitgeprägt. Das Bewegungsverhalten der Kinder wird maßgeblich durch das der Eltern bestimmt: Werden die Wochenenden im Wohnzimmer verbracht, ist das Kind auf Kindergarten und Schule angewiesen, um zu erfahren, dass die Bewegung an der frischen Luft Spaß machen kann.
Besonders drastisch zeigt sich der Einfluss der Umwelt, wenn die gewohnte verlassen wird: Austauschschüler, die in die USA gehen, nehmen oft in kurzer Zeit stark zu. Umgekehrt verlieren in Afrika lebende US-Amerikaner häufig an Gewicht, ohne Hunger zu leiden. Auch hier spielt die genetische Ausstattung eine Rolle. Nur der Austauschschüler bekommt ein Gewichtsproblem, der eine genetische Veranlagung dazu hat.
Auf der Insel Nauru ist jeder Zweite zuckerkrank
Interessant wird es, wenn traditionelle Ernährungsweisen bei ganzen Bevölkerungsgruppen innerhalb weniger Jahre über Bord geworfen werden. Wohl nirgends hat sich das drastischer gezeigt als auf dem Südsee-Atoll Nauru. Während Schwarzweißbilder aus den 1930er Jahren noch schlanke Menschen zeigen, erblickt man heute fast nur noch extrem dicke Inselbewohner. Was ist der Grund dafür?
Die Evolution hatte die Menschen von Nauru mit einem Erbgut ausgestattet, das Fett besonders effektiv speichert. In früheren Zeiten war das für lange Fahrten im Kanu und angesichts der regelmäßigen Hungersnöte überlebenswichtig. Mit dem Export von Phosphat seit den 1920er Jahren kehrte Wohlstand auf dem Atoll ein. Nahrung war im Überfluss vorhanden und statt des Körpers wurden mehr und mehr Autos bewegt. Den ersten Diabetes-Fall diagnostizierten Ärzte 1925. Heute ist fast jeder zweite Nauruaner zuckerkrank – mehr als in jedem anderen Staat der Welt.
Etwas ganz Ähnliches geschah auf Okinawa. Die japanische Insel galt lange Zeit als Hort der Langlebigkeit. Herzkrankheiten waren weithin unbekannt, und die meisten alten Männer hatten nie etwas von Prostatakrebs gehört. Die Inselbewohner aßen viel Gemüse, Früchte sowie Meeresprodukte – und sie hielten sich an die Tradition des hara hachi bu: Nicht essen, bis man satt ist, sondern nur, bis der Magen zu etwa 80 Prozent voll ist!
Die jüngeren Insulaner ernähren sich jedoch seit einiger Zeit nordamerikanisch, mit viel Fast Food. Die Dichte von Hamburger-Restaurants ist auf Okinawa inzwischen größer als in der Hauptstadt Tokio. Die Folgen sind messbar: Innerhalb weniger Jahre ist die Lebenserwartung der jüngeren Insulaner deutlich gesunken.
Übergewicht und Diabetes: Wie groß ist Ihr persönliches Risiko?
Doch was sagt das ganze komplizierte Gen-„Schnickschnack“ dem einzelnen, der beim Blick auf die Waage erschrickt? Lässt sich heute schon etwas über das eigene genetische Schicksal erfahren?
Das isländische Unternehmen deCODE Genetics hat einen Test auf den Markt gebracht, der eine Genvariante nachweisen kann, die für ein erhebliches Altersdiabetes-Risiko verantwortlich ist. Für 500 Dollar lässt er sich über das Internet beziehen. Künftig will deCODE – wie auch andere Firmen – gleich mehrere Genvarianten für verschiedene Erkrankungen und Übergewicht nachweisen können. Diese Gewissheit soll für rund 1.000 Dollar zu erlangen sein.
Die Faszination, die von einer persönlichen Gendiagnostik ausgeht, wird sicher den einen oder die andere dazu verleiten, viel Geld auszugeben. Ein ähnliches Ergebnis können Sie aber auch viel einfacher erzielen: Kommt in ihrer Familie Fettleibigkeit (Adipositas) vor, insbesondere bei einem oder beiden Elternteilen, so ist Ihr eigenes Risiko um so höher, je jünger Sie sind. Ein Beispiel: Sie sind 45 Jahre alt und nicht übergewichtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie noch stark Gewicht ansetzen, ist sehr gering. Sind Sie aber erst 20 Jahre alt, ist Ihr Risiko insbesondere dann sehr groß, wenn Sie schon einen BMI von mehr als 25 haben. Das Risiko erhöht sich weiter, falls die Adipositas bei Ihrem Vater oder Ihrer Mutter erst im Alter von über 20 Jahren aufgetreten ist, falls mehrere Familienmitglieder betroffen sind oder aber extreme Adipositas bei Verwandten ersten Grades vorkommt.
Auch bei Diabetes ist der Blick auf die Familie entscheidend: Falls ein Elternteil zuckerkrank ist, besteht für Sie ein etwa zwei- bis viermal so hohes Risiko wie bei einem Menschen mit gesunden Eltern. Noch höher ist es, wenn Diabetes bei beiden Eltern, bei Geschwistern oder bei weiteren Familienmitgliedern vorliegt. Schauen Sie sich als nächstes bitte selbst an, ob einer der wichtigen Risikofaktoren für eine Altersdiabetes auf Sie zutrifft:
• Sie sind über 65 Jahre alt? Ab diesem Alter ist die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung am größten.
• Sie haben einen BMI von über 27 (bei unter 30-Jährigen über 25).
• Sie haben einen erhöhten Blutdruck.
• Sie haben hohe Cholesterinwerte.
• Sie sitzen überwiegend und treiben unregelmäßig Sport bzw. gehen nicht mindestens täglich eine halbe Stunde flott spazieren
• Sie haben als Frau einen Bauchumfang von mehr als 95 Zentimetern (bei unter 30-Jährigen mehr als 85 bis 90 Zentimeter), als Mann von mehr als 100 Zentimetern (bei unter 30-Jährigen mehr als 90 bis 95 Zentimetern). Jeder weitere Zentimeter erhöht das Risiko nochmals.
• Sie hatten als Frau einen Schwangerschaftsdiabetes (Kinder, die bei Geburt mehr als 4.000 Gramm wogen, sind ein Indiz dafür). Dies allein erhöht das Risiko um das Vierfache.
Gegenwärtig kann keine molekulargenetische Diagnostik die Aussagekraft der Familiengeschichte und die Ermittlung Ihrer persönlichen Risikofaktoren übertreffen. Kommt beispielsweise Altersdiabetes bei Ihrer Mutter oder Ihrem Vater vor, haben Sie einen BMI größer als 27 und einen Bauchumfang von mehr als 100 Zentimetern, ist Ihr Diabetesrisiko fünf- bis sechsfach erhöht. Und damit weit mehr, als wenn Sie über zwei Kopien jener Genvariante verfügen, die der deCODE-Gentest ermittelt.
Gehören Sie zu der Risikogruppe, sollten Sie sich einmal jährlich auf eine beginnende Diabetes untersuchen lassen. Denn eine frühe Diagnose eröffnet mehr Behandlungsmöglichkeiten. Weisen Sie auf jeden Fall Ihren Arzt auf Ihr erhöhtes Risiko hin. Und das Beste, was Sie zur Vorbeugung oder im Fall einer bereits vorliegenden Diabetes tun können? Sich bewegen! Und zwar jeden Tag eine halbe Stunde flott spazieren gehen.
Lauernde Gefahr: Ernährungsfallen
Hinsichtlich der tatsächlichen Mengen von Zucker, Salz oder Fett drohen den Verbrauchern täglich Ernährungsfallen:
Zucker: In einem 500 ml Becher Fruchtbuttermilch befinden sich beispielsweise 18 Stück Würfelzucker à 3 Gramm. Selbst wenn man den in der Buttermilch natürlich enthaltenen Milchzucker abzieht, bleiben noch knapp 35g Zucker bzw. mehr als 11 Stück Würfelzucker. Empfohlen wird, nicht mehr als 10 Prozent der Kalorien in Form von zugesetztem Zucker aufzunehmen. Für Erwachsene bedeutet das, dass sie nicht mehr als 50 (Frauen) bzw. 60 (Männer) Gramm zugesetzten Zucker am Tag verzehren sollten.
Gleiches gilt für Salz: Empfohlen wird, nicht mehr als 6 Gramm pro Tag aufzunehmen. Der tatsächliche Konsum ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit bis zu 10 Gramm täglich wesentlich höher (Quelle: DGE, Nationale Verzehrstudie).
Für Fett gibt es ähnliche Empfehlungen: Eine erwachsene Frau sollte bspw. nicht mehr als 67 Gramm Fett zu sich nehmen, ein erwachsener Mann nicht mehr als 83 Gramm. In Wirklichkeit nehmen Frauen jedoch täglich durchschnittlich 75, Männer durchschnittlich 100 Gramm Fett zu sich (Quelle: DGE).
Diabetes – ohne mich!
Mit ausgewogener Ernährung und mehr Bewegung lässt sich der Krankheitsbeginn häufig hinauszögern oder ihr Ausbruch sogar verhindern. Was einfach klingt, ist für viele im Alltag schwierig umzusetzen: Was und wie viel darf ich essen? Wie nehme ich dauerhaft ab? Welcher Sport ist für mich geeignet? Wie schaffe ich es, Beruf und gesunde Lebensweise zusammenzubringen?
Der Diabetes-Chat der gemeinnützigen Organisation diabetesDE steht Internet-Nutzern alle zwei Wochen donnerstags mit einem neuen Thema kostenfrei zur Verfügung. Eine weitere wichtige Anlaufstelle ist das Diabetes-Gesundheitstelefon. Unter 0180-250 5205 (6 Cent/Anruf) stehen täglich 24 Stunden Experten bereit!
Unser Autor:
Prof. Dr. med Johannes Hebebrand ist Leiter der Kinderklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Duisburg-Essen und forscht seit über 15 Jahren zu Übergewicht und Essstörungen. Der international renommierte Gewichtsforscher koordiniert das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Netzwerk „Molekulare Mechanismen der Adipositas“ und gibt die Zeitschrift „Obesity Facts. The European Journal of Obesity“ heraus.
In seinem aktuell erschienen Buch „Irrtum Übergewicht“ (Zabert Sandmann, € 19,95 / sFr 35.95) erklärt er gemeinsam mit dem GEO-Redakteur Claus Peter Simon wie Biologie und Umwelt unser Körpergewicht bestimmen und was das für unser tägliches Essverhalten bedeutet. Eine Pflichtlektüre für alle, die dem Schlankheitswahn trotzen und keine Lust mehr auf Diätlügen haben.
Bild: Shutterstock
Aus: Body&Mind, Ausgabe 1/2010