Gefährlicher Eiweißschub

Cholesterin kann das Herz- und Kreislaufsystem schädigen. Das ist ein alter Hut. Die Gefährdung der Gefäße durch die Aminosäure Homocystein ist jedoch noch weitgehend unbekannt: Wir sagen Ihnen, wie Sie die Gefahr bannen können

Homocystein ist ein guter Indikator für den gesundheitlichen Zustand eines Menschen. Der Stoff gehört zu den Aminosäuren, ist also ein Eiweißbaustein, der im Körper gebildet wird. Weil es sich um ein instabiles Zwischenprodukt des Stoffwechsels handelt, findet sich bei Gesunden nur wenig davon im Blut. Steigen die körpereigenen Werte an, so ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass irgend etwas nicht stimmt.

Homocystein zeigt aber nicht nur „Stress“ im Körper an, es ist auch aggressiv: Es kann die Blutgefäße schädigen und die Bildung aggressiver freier Radikale anregen, es verändert das Cholesterin im Blut ungünstig und verhindert, dass sich Blutgerinnsel wieder auflösen. So wundert es nicht, dass Mediziner bei steigenden Homocystein-Mengen im Blut auch eine Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen, Gefäßverschlüssen (Thrombosen) und Nierenversagen feststellen. Homocystein kann außerdem Embryos im Mutterleib schädigen, und es wird außerdem mit Depressionen und Demenzerkrankungen in Verbindung gebracht.

Risikofaktor Pille

In seltenen Fällen (etwa 1 von 200.000 Neugeborenen) kommt es durch eine genetische Besonderheit zu einem extrem hohen Homocystein-Spiegel. Da diese Menschen lebenslang eine spezielle Diät einhalten müssen, gehört die Suche nach diesem Gendefekt zu den Routine-Checks nach der Geburt. Die weitaus meisten Fälle erhöhter Homocystein-Werte treten aber ab dem 65. Lebensjahr auf, bei Patienten mit Herzgefäß-Erkrankungen und Nierenschäden, durch die Einnahme bestimmter Medikamente (z.B. Wechseljahrshormone, Pille, Mittel gegen Epilepsie) sowie bei Menschen, die sich vitaminarm ernähren.

Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle, weil die B-Vitamine Folsäure, Vitamin B6 und B12 den Homocysteinspiegel senken (siehe Kasten). Ein hoher Alkohol- oder Kaffeekonsum erhöhen ihn.

Vegetarier gefährdet

Wer also zu wenig isst, zum Beispiel weil er ständig Diät hält, und wer wenig frisches Obst und Gemüse zu sich nimmt, läuft Gefahr, dass seine Homocysteinwerte irgendwann ansteigen. Auch Vegetarier sind besonders gefährdet: Da Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt, fallen mit Fleisch, Fisch und Wurst wichtige Quellen weg.

Ein gewisser Ausgleich ist mit angereicherten Frühstücks-Cerealien und mit Milchprodukten möglich. Hohe Homocystein-Gehalte findet man vor allem bei Veganern, also strengen Vegetariern, die überhaupt keine tierischen Lebensmittel essen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass eine höhere Zufuhr der genannten B-Vitamine die Homocystein-Werte wieder normalisieren kann. Mit Vitaminpillen oder -spritzen sanken die Werte um etwa 25 Prozent, mit einer ausgewogenen Ernährung immerhin um 13 Prozent.

Vitamine kein Allheilmittel

War tatsächlich ein Vitaminmangel die Ursache der erhöhten Homocysteinwerte, dann dürfte das Problem mit einer vitaminreicheren Ernährung behoben sein. Allerdings erkennt man die Ursache des Homocysteinanstiegs bei weitem nicht immer. Wird das zugrunde liegende Problem nicht behandelt, muss die Senkung der Homocystein-Werte mit Hilfe von Vitaminen nicht unbedingt zu mehr Gesundheit führen.

Für ansonsten gesunde Menschen gibt es bislang keine medizinische Studie, die eindeutig gezeigt hätte, dass sich mit B-Vitaminen das Infarkt- oder Schlaganfallrisiko senken lässt. Für Patienten, die bereits an Gefäß- und Herzkrankheiten leiden, liegen erst sehr spärliche Ergebnisse vor. Man wird also abwarten müssen, ob eine erhöhte Vitaminzufuhr tatsächlich Leben rettet und Krankheit verhindert - oder ob sie nur „schönere“ Homocystein-Werte beschert.

Die amerikanische Herzgesellschaft AHA empfiehlt bei erhöhten Homocystein-Werten zunächst eine Diät, die reich an Vitamin B6, B12 und Folsäure ist. Erst wenn dies erfolglos bleibt, sollen künstliche Vitamin-Präparate eingesetzt werden.

Ulrike Gonder