Flower Power. Die Ringelblume
Sie blüht auffällig gelb und orangefarben von Juni bis Oktober nahezu überall in den Gärten. Besonders bayerische Bauerngärten kommen überhaupt nicht aus ohne die flammenden Akzente ihrer satten leuchtenden Blüten. Viele Namen – Brügam, Dotterbluom, Butter-, Gold- und Rinderblume, Ringeli, Ringelrose, Studentenblume, Jesus- und Totenblume – verweisen auf die allgemeine Beliebtheit der Ringelblume, Calendula officinalis. In der Kloster- und Volksmedizin gehörte sie zu den wichtigen Arzneien. Schon im Altertum schätzte man die Blütenköpfchen des robusten Korbblütlers als schweißtreibendes und krampfstillendes Mittel, das auch zur Wundbehandlung trefflich geeignet war.
Bei Verdauungsstörungen und Vergiftungen
Die Äbtissin Hildegard von Bingen empfahl sie gegen Verdauungsstörungen, aber vor allem bei Vergiftungen: „Die Ringelblum ist kalt und feucht, und sie hat starke Grünkraft in sich, und sie ist gut gegen Gift. Denn wer Gift isst, oder wem es verabreicht wurde, der koche Ringelblumen in Wasser, und nach Ausdrücken des Wassers lege er sie so warm auf seinen Magen, und sie erweicht das Gift und es wird von ihm ausgeschieden.“ Im Mittelalter wurden die getrockneten Blütenköpfe als wertvolle Ware auf dem Markt gehandelt. Sie wurden nicht nur als Arznei verwendet, sondern dienten auch als pikante Gewürze in Salaten, Suppen und Eintöpfen. Mit dem Pulver der getrockneten Blütenblätter stellte man auch „falschen“ Safran her. Wie das wesentlich teurere Gewürz, das aus den Staubfäden des Crocus sativus gewonnen wird, färbt auch das Ringelblumenpulver die Speisen gelb.
In seinem Kräuterbuch schreibt der berühmte Arzt Jacob Theodor Tabernaemontanus (1520-1590): „... ist sie sonderlich gut und nützlich die Verstopfung der Leber zu eröffnen“. Noch heute wird sie in der Naturheilkunde gelegentlich als Mittel bei Gelbsucht empfohlen. Ein altes Kräuterbuch beschreibt die Blume generell als Universalheilmittel: „Die Blätter werden im Salat gebraucht, wider Gelbsucht, Herzklopfen, besonders gegen ausbleibende Monatszeit. Das destillierte Wasser davon soll den Schweiß fördern; es ist bewährt für die hitzigen roten Augen, darein getropft oder Umschläge damit gemacht. Das Pulver von den Blumen in Baumwolle auf den schmerzenden Zahn gelegt, stillt alsbald den Schmerz“.
Anspruchslos und blühfreudig
Heimisch ist der einjährige Korbblüter im Mittelmeerraum und im Orient, doch seit dem Mittelalter wird das hübsche Gewächs auch bei uns kultiviert. In manchen südeuropäischen Ländern wird es als Arzneipflanze großflächig auf Feldern angebaut. Gartenbesitzer lieben die Blumen wegen ihrer Anspruchslosigkeit und Blühfreudigkeit, und weil man sich die Samen immer wieder selbst ziehen kann. Wenn man sich darum nicht kümmern will: einmal sesshaft geworden, sät sich das dankbare Gewächs, das immer aufs Neue Blütenköpfe treibt, auch problemlos selbst aus! Im Frühsommer kann man die Blüten dann gleich nach dem Öffnen noch am Vormittag pflücken, weil dann die Inhaltsstoffe noch voll erhalten sind. Sie werden anschließend im Schatten getrocknet. Man muss dabei sehr sorgfältig vorgehen, um Verfärbungen zu vermeiden. Aus dem Trockengut werden Tees und Aufgüsse für Wickel und Kompressen bereitet.
Jahrhundertealtes Erfahrungswissen
In der Volksmedizin gilt die vielseitige Pflanze seit langem als wertvolle Arznei, die in keiner Hausapotheke fehlen sollte. Äußerlich dient sie zur Pflege von angegriffener, verletzter oder entzündeter Haut und zur Behandlung von schlecht heilenden Riss-, Quetsch- und Brandwunden, Geschwüren, Beulen und Erfrierungen. Wie etwa auch das Johanniskraut, ist sie ein Beispiel dafür, dass die moderne Forschung inzwischen immer öfter das jahrhundertealte Erfahrungswissen der Pflanzenheilkundler bestätigt. Die moderne Phytotherapie hat ihre Inhaltsstoffe analysiert. Wirksam sind die Gerbstoffe Harze, Carotinoide, Flavonoide, Saponine, ätherische Öle und Bitterstoffe. Ihre entzündungshemmenden, antiseptischen und granulationsfördernden Eigenschaften beeinflussen bei lokaler Anwendung insbesondere die Wundheilung günstig. Auch bei Sportverletzungen, Blutergüssen und Krampfadern zeigen sich gute Heilungsergebnisse. Mit „Ringelblumenbutter“ werden Gelenkschmerzen und Muskelkater kuriert. Kompressen und Wickel erweisen sich auch bei offenen Beinen und Venenentzündungen als lindernd.
Das im Handel erhältliche ätherische Öl hilft bei Pilzkrankheiten und Scheidensoor. Ins Badewasser gegeben – einige Tropfen davon genügen – soll es sogar nervöse Angstzustände und depressive Stimmungen lindern. Auch heute noch wird den Inhaltsstoffen der Ringelblume des weiteren eine schwach östrogene Wirkung bestätigt. Sie wird als Aufguss eingesetzt, um Menstruationsschmerzen zu lindern und die Monatsblutung zu regulieren. Calendulacremes verwendet man bei trockener und gereizter Haut, trockenen Ekzemen, Sonnenbrand und leichten Verbrennungen. Wegen ihrer positiven hautfreundlichen Eigenschaften steckt Calendula officinalis heute auch in vielen After-Sun-Produkten.
Auch wenn wir sie nicht im barocken oder gar im japanischen Garten finden können, die Calendula, auch Ringelblume genannt, birgt unzählige Geheimnisse. Mit eindrucksvollen Fotos über die faszinierende Welt einer Heilpflanze hat Christina Kiehs-Glos die Calendula in allen Phasen ihrer Entwicklung beobachtet. Insbesondere macht sie auch deutlich, welche heilenden und kosmetischen Wirkungen von dieser Pflanze ausgehen.