Emotionen

Gescheiter dank Scheitern

Wenn Lebensträume wie Luftballons platzen, hilft nur noch die richtige Einstellung. Davon ist Ute Lauterbach fest überzeugt. Die Philosophin und Buchautorin sieht im Scheitern auch viel Positives.

Wer scheitern kann, hat mehr vom Leben. Niemand will scheitern. Trotzdem passiert es ständig. Beziehungen scheitern, die Kinder sind nicht so, wie sie sein sollen, die Eltern auch nicht, Computer stürzen ab ... Manche resignieren, andere hingegen strengen sich an wie verrückt. Aber beide repräsentieren zwei Seiten ein und derselben Leistungsmünze: Je perfekter wir sein wollen, und je höher wir die Messlatten hängen, umso sicherer peinigen uns Druck und Versagensängste. Was wäre die Alternative? Ganz einfach: Wir schwenken um vom Arbeitserfolg zur Lebenserfüllung. Wir kultivieren die Bereitschaft zu scheitern. Eine fehlerfrohe Grundhaltung trägt zentral zur Lebenskunst bei. Die Atmosphäre in der Gesellschaft würde sich deutlich ändern, wenn wir Lebensfreude und Erfüllung höher schätzten als Imagepflege und Leistungswahn. Es ist komisch. Bewusst willst du erfolgreich oder wenigstens gut drauf sein. Unbewusst legst du dir Knüppel in den Weg. So schleicht sich das Scheitern in unser Leben. Und wer gewinnt? Oft die Knüppel. Wenn sie sprechen könnten, würden sie sagen: „Du bist auf der falschen Spur. Denk mal um. Mach’s dir leichter. Wem willst du’s recht machen? Dir? Anderen? Nichts gegen Erfolg – aber geht’s auch ohne auslaugende Anstrengung? Wenn nicht, dann helfen wir mit unseren Saboteuren einfach nach.“ Wie es uns wohl ginge, wenn wir weniger erfolgsfixiert wären? Was ist überhaupt Erfolg? Wir definieren es alle gleich: Erfolg ist, wenn es klappt wie vorge¬nommen. Scheitern ist das Gegenteil: Es klappt eben nicht so wie vorgenommen.

Frau Lauterbach, Sie plädieren für lustvolles Scheitern. Aber jemand, der zum Beispiel gerade entlassen wurde, kann die Niederlage vermutlich nicht freudig begrüßen?

Wenn ich arbeitslos bin und total verzweifle, ist das aber auch nicht gerade eine günstige Voraussetzung, um wieder etwas auf die Beine zu stellen. Ich sage nicht, dass man bei einer Niederlage in Jubel ausbrechen soll, aber das Scheitern gehört einfach zum Leben dazu. Es läuft nicht immer so wie wir wollen. Die Kunst besteht darin, das Scheitern lässig mitzumachen und die Not in eine Tugend zu verwandeln.

Wie kann ich denn Arbeitslosigkeit zur Tugend machen?

Indem ich mich als erstes frage: Was ist dennoch gut an dieser unglücklichen Situation? Endlich bin ich die nervenden Kollegen los, meine Herz-Rhythmus-Störungen lassen nach ... Es ist wichtig, in einer misslichen Lage nicht nur schwarz zu sehen, sondern auch die positiven Seiten zu erkennen, um überhaupt weiter machen zu können. Wer ein Ziel nicht erreicht, sollte sich immer fragen, ob es ihn auch wirklich glücklich gemacht hätte. Und so platt es klingt: Niederlagen bieten die Gelegenheit, etwas Neues zu machen, etwas, das einen wirklich begeistert. Das ist leichter gesagt als getan. Scheitern ist – gerade bei einer Entlassung – oft mit Angst vor wirtschaftlicher Not verbunden. Wie soll man in einer solchen Situation noch lässig scheitern? Mir ist schon klar, dass Scheitern von vielen Ängsten und Selbstwerteinbrüchen begleitet ist. Ich ermuntere ja auch nicht zum absichtlichen Scheitern, sondern dazu, dem Scheitern – den unfreiwilligen Wendepunkten – etwas Neues abzugewinnen, abzuringen. Wenn jemand entlassen wird und begründete Angst vor wirtschaftlicher Not hat, dann könnte er mal genau untersuchen, was wirtschaftliche Not wirklich ist: Wenn ich mir das Fitness-Studio und den Tanzclub nicht mehr leisten kann oder wenn trockenes Brot mein Hauptnahrungsmittel ist? Hier helfen Fragen wie: Was brauche ich wirklich? Was kann ich entbehren? Im Entbehren lässt sich vielleicht sogar eine neue Freiheit entdecken – das wäre auch eine Art Lebenskunst. Oder: Wie ließe sich der „Lebensstandart“ neu definieren? Soll auf dem Grabstein stehen: „Ich hatte alles – nur keine Zeit?“

Sie raten, jedes Nichtgelingen auf mögliche Vorteile abzuklopfen. Aber das funktioniert doch nicht immer! Wo soll zum Beispiel eine Frau, die gerne Nachwuchs gehabt hätte, aber keinen bekommen kann, Vorteile in der Kinderlosigkeit sehen?

Ich kann mich natürlich bis an mein Ende darüber grämen. Aber dann leide ich doppelt: An der Kinderlosigkeit und meiner bitteren Einstellung, die mir das Leben zur Qual macht. Es ist wirklich besser, Abstand zu gewinnen und zu sagen: Es ist so. Ich kann es nicht ändern, aber will ich wirklich die nächsten 40 Jahre mit hängenden Mundwinkeln leben? Natürlich nicht. Fragen dieser Art sollte man sich deshalb nach Niederlagen immer stellen. War ein Kind ein Herzenswunsch, könnte ich mir überlegen, wie ich den auf andere Art einigermaßen befriedigen kann. Zum Beispiel indem ich als S.O.S. Kinderdorf Mutter arbeite. Es gibt so viele Möglichkeiten. Viel¬leicht entspringt aus dem Scheitern, in diesem Fall der Kinderlosigkeit, eine tolle Idee, zum Beispiel ein innovatives Auffanglager für vernachlässigte Kinder. In Situationen wie dieser ist die Änderung der persönlichen Einstellung der einzige Spielraum, der noch bleibt.

Haben Sie einen weiteren Tipp parat, wie man sich möglichst rasch mit einem geplatzten Traum abfindet?

Es hilft sehr, herauszufinden, was genau hinter diesem geplatzten Traum steckt. Wenn ich es weiß, geht es darum, zu überlegen, wie ich diese Bedürfnisse anders ausleben kann. Das Gute am Scheitern ist, dass es zum Nachdenken zwingt und letztlich eine Horizonterweiterung bringt. Wenn etwas in meinem Leben nicht klappt, sage ich mir immer, dass ich eine Alternative finde, die noch besser wird als der ursprüngliche Plan.

Und das funktioniert immer?

Es klappt zumindest sehr oft.

Sie schreiben, dass Scheitern einem sogar zu einem Kick verhelfen kann.

Als ich mein fünftes Buch „LiebesErklärungen“ schrieb, war ich davon überzeugt, dass es ein Knüller werden würde. Aber irgendwie schien der Titel nicht zu ziehen und zu meinen Lesungen kamen nicht wie sonst mindestens 100 Leute, sondern gerade mal 30 Interessierte. Ich war zuerst enttäuscht, weil die "LiebesErklärungen" wirklich klasse sind. Dann gelang mir ein radikaler Einstellungswandel und das Verrückteste: Damit wuchs auch das Interesse an dem Buch. Den Einstellungswandel leitete ich mit dem Gedanken ein: 'Gut, die „LiebesErklärungen“ sind noch nicht der große Erfolg, aber was ist so schlimm daran?' Dabei half mir meine “es darf auch schief gehen“-Haltung, die ich jedem nur empfehlen kann. Und letztendlich entstand aus meinen Überlegungen mein aktuelles Buch „Lässig scheitern“. In diesem Buch steht der Satz, dass man als konsequenter Lebenskünstler auch inkonsequent sein soll. Ein kleines Beispiel: Ich will abnehmen, befolge radikal eine Diät und werde doch mal bei einem Stück Kuchen schwach. Das kann mich natür¬lich total fertig machen, denn ich bin ja gescheitert. Wenn ich mir aber sage: Ich gehe liebevoll mit mir um und gebe mir auch mal nach, dann verzweifle ich nicht, wenn ich die Diät mal unterbreche. Wenn ich alles auf Biegen und Brechen mache, dann bricht zu viel. Lieber mal biegen.

Wer sind für Sie prominente lässige Scheiterer und warum?

Nach meiner Eingangsdefinition fragen Sie nach Prominenten mit Ich-Stärke und ohne Ego ... Da fallen mir ein: Gandhi, Jesus, Mutter Theresa, Buddha – aber bei diesen Großen wendete und fügte sich alles so, dass sie gar nicht scheiterten. Ein bodenständigeres Beispiel gibt der Film „Alexis Sorbas“. Der Grieche ist ein Lebenskünstler. Als das endlich fertiggestellte Bähnchen bei der Einweihungsfeier direkt zusammenkracht, ist die einzige Sorge von Alexis Sorbas, dass das Festessen nicht anbrennt. Werner und Franz-Josef in meinem neuen Buch „Lässig scheitern“ scheiterten wirklich und führen fundiert und bodenständig vor, wie aus der Not eine Tugend werden kann.

Worin liegt für Sie der gesundheitliche Nutzen des lässigen Scheiterns?

Ich bin davon überzeugt, dass es für unsere Gesundheit immer abträglich ist, wenn wir anders sein wollen als wir sind. Wer lässig scheitern kann, lebt mehr im Frieden mit sich selbst. Eine fehlerfrohe Grundhaltung führt zu mehr Entspannung, mehr Eigendrehung, mehr Lebensfreude und dadurch zu weniger Druck und Stress. Diese Faktoren fördern die seelische und körperliche Gesundheit ganz erheblich.

Sie raten auch, das eigene Ego abzuschaffen. Wozu soll das gut sein?

Damit meine ich lediglich, nichts persönlich zu nehmen – außer Liebeserklärungen. Fallen Niederlagen leichter, wenn ich die Dinge weniger persönlich nehme? Sie nehmen sich vor, ein tolles Bild zu malen: Leider nur mit mäßigem Erfolg. Eine Reaktion wäre: Ist halt nichts geworden. Nehmen Sie aber persönlich, dass Sie ein Bild für den Papierkorb produziert haben, dann sagen Sie sich vielleicht: Du bist eine Niete, kannst nicht mal ein Bild malen, usw. Daran ist unser Ego schuld: Immer wollen wir toll sein und strahlen, doch das ist ein Ding der Unmöglich¬keit. Wem die Kunst des Lebens gelingen soll, sollte sein Ego möglichst nicht so hoch hängen.