Angst, komm raus!

Ob wir uns vor Kritik drücken oder der Nähe zu einem Menschen – die Angst, nicht bestehen zu können, treibt uns in beiden Fällen um – und lässt das Leben mit all seinen Konfrontationen an uns vorbeisausen. Welche Formen von Angst Ihnen gut tun und welche Sie hinter sich lassen können, verrät unser Ratgeber.

Für alle Angsthasen schon einmal vorab: Angst ist gesund! Vorausplanend und mit einem guten Gedächtnis ausgestattet, entwickelt der Mensch Angst vor Situationen, die ihm gefährlich werden könnten. Banales Beispiel: Noch Jahrzehnte später treibt es manch einem beim Anblick eines bellenden Hundes den Schweiß auf die Stirn, wenn er als Kind schlechte Erfahrung mit Nachbars Kläffer gemacht hat. Unser Körper sagt in solchen Situationen: „Vorsicht, nimm´ Dich in Acht. Das kann schief gehen.“

Lieder ist das nicht bei allen Angstzuständen der Fall. Viele basieren auf übertriebenen Vorsichtsmassnahmen der ängstlichen Eltern, sind sozusagen anerzogen. Auch Zeiten andauernder Anspannung, etwa die Pflege eines Kranken oder eine schmerzvolle Scheidung, können bleibende Angstgefühle hinterlassen. Und – wer hätte das gedacht –, Ängste können auch rein körperliche Ursachen haben, zum Beispiel einen Vitamin B-Mangel. Weitaus häufiger sind allerdings soziale Ängste: Wir werten bestimmte Situationen als Angriff auf unsere Person und steigern uns in dieses Gefühl hinein.

Das Problem: Die wenigsten setzen sich mit ihren Angstgefühlen auseinander. Ignorieren heißt meist die Taktik. Verdrängen, mit Übersprungshandlungen betäuben oder bestimmte Situationen einfach meiden. Angstgefühle wollen aber was anderes, sollen sie verschwinden. Sie wollen, dass man sich ihnen stellt. Konkret: Dass wir ihren Ursachen auf den Grund gehen und uns dann in kleinen, aber beständigen Schritten, mit der Situationen konfrontieren. Vor allem in alltäglichen Dingen wie Flugangst verspricht diese Vorgehensweise den größten Erfolg. Bei sozialen Ängsten sieht es kaum anders aus.

Das große Rennen: Kritik entkommen

Mit Kritik gelassen und angemessen umzugehen, dazu sind die Wenigsten in der Lage. Um ihr aus dem Weg zu gehen, entwickeln wir die verschiedensten Strategien. Während die einen sich anpassen, nie ein Wort der Kritik von sich geben und einfach hoffen, Kritik damit aus dem Weg zu gehen, verfallen andere in Perfektionismus. Alles soll so gut sein, dass erst gar keine Kritik aufkommen kann. Bekannt ist auch die Flucht nach vorn: sich durch möglichst schnelle, bloßstellende oder verletzende Kritik einen Ruf schaffen, der andere daran hindert, selbst Kritik zu üben. Oder noch eine Taktik: Stundenlanges haarspalterisches Zerpflücken von Kritik ist eine raffinierte Methode, andere auf lange Sicht mundtot zu machen. Denn so eine Diskussion wird man sich nicht mehr so schnell wieder antun.

Alles, nur das nicht!

Warum wird aber so viel Aufwand betrieben, um Kritik zu entgehen? Auch wenn sie nur auf eine spezielle Handlung oder ein bestimmtes Verhalten abzielt, fühlen wir uns durch sie insgesamt als Person abgewertet bzw. in Frage gestellt. Anstatt aber auch mal eine Schwäche oder einen Fehler einzugestehen, wächst die Angst vor Fehlschlägen, der Druck wird größer und Vermeidungsstrategien für ähnliche Situationen werden entwickelt – der Selbstbetrug ist perfekt! Mit dem Zurückziehen in bekannte und „gefahrfreie“ soziale Gefilde, scheint die Angst wie weggeblasen zu sein. Wir denken: Es ist doch alles in Ordnung! Man könnte jedoch an dieser Stelle bissiger Weise auch bemerken: Wir verpassen gleichzeitig so viele schöne Dinge des Lebens! Denn: Leben ist Konfrontation, sich auch mal aus seinem Schneckenhaus herausbewegen und durch die Auseinandersetzung mit anderen Menschen spüren, das man quicklebendig ist. Der Trick für ein zufriedenes Leben ist nämlich: Lebensintensität spüren. Und die bekommt man leider nicht nur mit Altbekanntem und vermeintlich Gefahrlosem.

Spurensuche

Woher kommt jedoch diese scheinbar unbegründete Angst vor den „negativen“ Äußerungen unserer Umwelt. Kritik war und ist in vielen Familien ein regulärer Bestandteil der Erziehung. Das Problem: Sie ist häufig nicht konstruktiver Natur, feindet also einen Tatbestand an, ohne eine weitere Tür des möglichen Umgangs mit der Situation zu öffnen. Das beginnt schon bei alltäglichen Dingen: „Warum bist Du nur so ungeschickt!“, hieß es beispielsweise gleich gereizt, wenn das Milchglas über den Esstisch verschüttet wurde. Noch schlimmer sind Sätze wie „Aus dir wird nie was werden“ oder „Die Schlauste ist sie ja nicht“. Diese als Kind entwickelte Verbindung von Kritik, Bestrafung und dem Gefühl nicht mehr gewollt zu sein, behalten fast alle von uns in mehr oder weniger starker Ausprägung ihr Leben lang. Kritik bedeutet dann für viele Menschen Bedrohung.

Was wir ändern können

Ausgangslage: Sie versuchen ständig, die Empfindung zu verdrängen, dass Sie auch mit Schwächen behaftet sind und nicht allen Erwartungen Ihrer Umwelt entsprechen. Die Angst begleitet Sie dabei, auffliegen zu können. Kritisiert Sie jemand, fühlen Sie sich bei diesem Schwindel ertappt. Obendrein denken Sie, dass Sie ohne die Anerkennung der anderen nicht liebenswert sind. Sie übertreiben also gleich mehrfach: Weder bedeutet eine Kritik eine generelle Ablehnung Ihrer Person, noch entspricht die Ablehnung durch eine einzelne Person einer generellen Ablehnung der ganzen Welt. Ähnlich sah es in der Kindheit aus: Vater und Mutter haben die Welt bedeutet, deswegen haben wir ihre Vorwürfe oder Kritik als vermeintlichen Liebesentzug auf ganzer Linie erlebt. Diesen Mechanismus gilt es auszuschalten.

Ansatzpunkt: Ändern Sie also Ihre innere Einstellung. Machen Sie sich klar, dass niemand perfekt ist und lernen Sie, Ihre eigenen Stärken und Schwächen anzunehmen – und vielleicht sogar zu schätzen. Der Grund: Kritik verletzt meist an den Stellen, die wir selbst nicht liebenswert finden. Mit einem gestärkten und vor allem realistischen Selbstbewusstsein sind Sie in der Lage, wesentlich gelassener und sachlicher mit Kritik umzugehen. Ist die Kritik berechtigt, fällt es Ihnen auch viel leichter, Ihr Verhalten zu ändern.

In der Umsetzung: Sie gehören zu den stillen und „lieben“ Zeitgenossen? Machen Sie einen Freund oder Kollegen bei nächster Gelegenheit auf etwas aufmerksam, das Sie schon lange stört. Gewiss werden Sie Verwunderung kassieren, schließlich ist man von Ihnen solche Töne nicht gewöhnt. Stellen Sie sich sogar eventuell auf Gegenkritik ein und gehen Sie diesen Weg in kleinen Schritten. Üben Sie etwa zu Beginn die einfache Form: harmlose Kritik an einer souveränen und netten Person, anschließend vielleicht eine berechtigte Rückmeldung an eine schwierigere Person. Rückschläge sollten Sie nicht entmutigen. Trotz Widerstand werden Sie sich nach geraumer Zeit freier fühlen.

Wenn Sie eher zu den Personen zählen, die sofort zum Gegenangriff bereit sind: Hören Sie sich die Kritik anderer gelassen und ruhig an und prüfen Sie ihre Inhalte. Ist sie einleuchtend, geben Sie Ihrem Gegenüber Recht und versuchen Sie, den Punkt in Ihrem Leben zu ändern. Vergessen Sie dabei nicht: Sie machen das für sich und nicht der anderen Person zum Gefallen! Sie werden erstaunt sein, wie positiv Ihre Umwelt darauf reagiert. Auch hier müssen Sie mit Rückschlägen umgehen lernen und darauf gefasst sein, dass so mancher Morgenluft wittert und übertrieben kritisiert. Halten Sie es aus. Sie sind stark genug dafür.

Abstand bitte! Die Angst vor Nähe

Eine neue Beziehung im Anmarsch? Was spannend und aufregend klingt, ist für viele ein Grund zur Angst. Angst vor Nähe, Verantwortung, Kompromissen oder einfach auch nur vor einer tiefen Beziehung, die „abhängig“ macht. Vor allem Menschen mit Angst vor Nähe fühlen sich durch die wachsende emotionale Bindung eingeengt. Angstvoll bis panisch wird dann Abstand zu dem Menschen gesucht, den man eigentlich liebt.

Vertrauen wieder finden: Hinter der Angst vor Nähe steckt häufig schlicht die Angst, verlassen zu werden. Wer schmerzhafte partnerschaftliche Verluste erlitten hat, fürchtet sich vor einer erneuten Enttäuschung, die um so größer ist, je enger man sich mit dem anderen verbunden fühlt. Stellen Sie sich diesen Gefühlen und fragen Sie sich, ob Sie den Rest ihres Lebens allein oder in Zweisamkeit verbringen möchten – und das trotz Risiko, verlassen zu werden. Möchten Sie wirklich lieber ein Leben ohne Schmerz, dafür aber auch mit weniger Liebe? Zumindest, was die partnerschaftliche betrifft?

Trick für mehr Gelassenheit: Wenn Sie sich mit solchen Fragen herumtragen, es aber weder vor noch zurückgeht, stellen Sie überspitzte Gegenüberstellungen auf. Die machen auch gelassener und angstfreier, etwa in folgender Form: Stellen Sie sich vor, Sie hätten nie einen Partner gehabt. Alles Negative der Beziehung wäre Ihnen sicherlich erspart geblieben, aber eben auch alles Schöne, was mit dieser Beziehung zusammenhängt. Nach solchen Überlegungen werden die meisten wohl recht schnell lieber in den Apfel des Paradiesgartens beißen und sich für ein Leben mit Liebesbeziehungen entscheiden – auch wenn möglicherweise Schmerzen dazu gehören.

Wenn Sie mit Eigeninitiative und -reflektionen nicht weiterkommen, können auch Angststörungen vorliegen, die tiefer greifen und bei denen die Konsultation eines Therapeuten sinnvoll sein kann. Denken Sie daran: Alles ist willkommen, was Ihre Fähigkeit auf Vertrauen stärkt! Lernen Sie, von Ihren Gedanken nicht überwältigt zu werden, sich eine neue Haltung zuzulegen und sich um jeden Preis Ihren Ängsten zu stellen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Viele Situationen, die Sie vormals als lähmend empfunden haben, entspannen sich.

Autor: Lutz Exner
Bild: Shutterstock
erschienen in: Body&Mind, Ausgabe 03-2010