Fitness für jedes Dosha

Nicht jede Sportart ist für jeden Konstitutionstyp geeignet. Während es die einen lieber ruhig angehen lassen sollten, können sich andere nach Lust und Laune austoben

Die moderne Sportmedizin sagt: Über die normale Körper- und Lebensverrichtungen hinausgehende Muskelaktivität verbessert erwiesenermaßen die Herzkreislauf- sowie andere Organfunktionen, steigert die Abwehrkräfte und übt eine positive Wirkung auf die psychische Immunität aus. So weit so gut. Dem kann ich auch aus ayurvedischer Sicht zustimmen. Nur sollten wir nicht aus lauter Sporteuphorie vergessen, genauer zu differenzieren. Was tut mir in einer bestimmten Lebenslage und mit gegebener individueller Grundkonstitution gut? Das Hauptproblem bei sportlicher Aktivität liegt darin, dass sie kurz- bis mittelfristig mehr Energie konsumiert, als dass sie durch erhöhte metabolische Aktivität zur Verfügung stellt. Das kann für Konstitutionstypen, die von Vata beherrscht werden oder in Zeiten, in denen ein Überschuss an Vata vorherrscht, zu einem echten gesundheitlichen Problem führen. Methoden wie Yoga oder Qui Gong produzieren hingegen mehr Energie, als dass sie welche verbrauchen. Am Ende einer Yogasitzung fühlt man sich nicht erschöpft, sondern vitaler als zu Anfang. Kommt noch hinzu, dass Yoga den Bewegungsapparat dehnt und ausgleicht. Es ist, als ob das ursprüngliche Körperprogramm wiederhergestellt würde. Ein gut abgestimmtes Yogaprogramm hat den gleichen Übungseffekt, wie ein Lauf durch die Straßen, bei dem Sie sich auch nach einigen Kilometern nicht die Gelenke abwetzen. Deshalb empfehle ich seit Jahrzehnten Yoga, aber auch angepasste und ausgleichende körperliche Aktivitäten wie Nordic Walking, Schwimmen, Tanzen, Qui Gong, Tai Chi und Sex. Für Menschen mit einem ausgeprägten Pitta eignen sich asiatischen Kampfsportarten wie Kalari, Aikido, Kung Fu, etc., um die natürliche oder angestaute Aggression positiv umzuwandeln. Dasselbe gilt für Wettkampfsportarten wie Tennis, Badminton, Squash oder Fechten, bei denen man seinem Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht. Einseitige, riskante oder übermäßige Belastung muss grundsätzlich vermieden werden. Bei Kapha dominierten Konstitutionen wie Kapha, Pittakapha und Vatakapha verhilft ein genau abgestimmtes Krafttraining zu großem Wohlbefinden, verhindert Übergewichtigkeit oder Ablagerungen und besitzt einen vorzüglichen Anti-Aging-Effekt. Langezeitstudien belegen eindeutig, dass die Produktion bestimmter Wachstumshormone, die eigentlich beim erwachsenen Menschen nach dem zweiundvierzigsten Lebensjahr kaum mehr entwickelt werden, durch ein leichtes Einreißen der Muskelfasern wieder angekurbelt wird. Das Resultat ist ein deutlich jüngeres Aussehen.

Yoga

Über den Aufschwung, den Yoga heute wieder erlebt, kann ich mich nur freuen. Bedingt durch meine Arbeit mit Ayurveda komme ich ständig in Kontakt mit Menschen aller Altersklassen, die noch nie in ihrem Leben Yoga gemacht haben und die auch oft unter chronischen Beschwerden leiden. Für sie habe ich über die letzten 25 Jahre ein Yogaprogramm erarbeitet, das ohne Risiko ist. Dabei bin ich nicht einen orthodoxen, eher einen pragmatischen Weg gegangen und habe Übungen abgeändert oder aus dem Kalaripayatt (einer südindischen Kampfkunst-Art) und Thanu (der Marma-Lehre der Siddha Medizin) übernommen. Das wichtigste Prinzip ist immer, dass Sie überhaupt üben! Wenn also hier oder da ein Kompromiss notwendig wird, damit das Programm zeitlich in Ihr Tagesprogramm passt, dann zögern sie nicht, diesen einzugehen. Das ist immer besser als das Ganze zu lassen. Das schönste am Yoga: Sie brauchen lediglich zwei Quadratmeter Platz, Ihren Körper, Geist und Seele und sonst gar nix – keine teure Ausrüstung, kein schönes Wetter, keine Geräte, keine Anlage. Lüften Sie kurz den Raum, in dem Sie üben. Mit einer Kerze und etwas Räucherwerk reinigen Sie die Atmosphäre. Eine Decke aus natürlichem Material wie Wolle oder Baumwolle schützt Sie, falls Ihnen kühl wird oder Sie nicht direkt auf dem Boden stehen oder sitzen möchten. Ein kleines Kissen oder eine weitere Decke, die Sie zu diesem Zweck zusammenrollen, sind auch hilfreich. Für ein einfaches und für alle Konstitutionstypen durchführbares Yogaprogramm benötigen Sie zwischen 20 und 40 Minuten Zeit. Ein überschaubarer Aufwand, der sich sicher lohnt. Ich empfehlte zwar keine unterschiedlichen Übungen für die verschiedenen Typen, aber es sollte darauf geachtet werden, dass ehrgeizige Pitta und begeisterungsfähige Vata Menschen, nicht übertreiben. Kapha Konstitutionen dagegen tendieren zu Gemütlichkeit und müssen ausdauernder üben. Bleiben Sie auf alle Fälle im Rahmen eines Übungsprogramms und machen Sie ein- bis zweimal in der Woche eine Pause. Der Mensch tendiert dazu, alles möglichst kompliziert zu machen, denn wie soll etwas ganz Einfaches Nutzen bringen können. Dabei liegt die wahre Kunst darin, aus möglichst wenig Aufwand möglichst viel Wert zu schöpfen.

Nordic Walking

Über die wachsende Popularität von Nordic Walking freue ich mich sehr. Von Südtirol bis an die Nordsee, überall sieht man Menschen mit Stöcken durch die Landschaft marschieren. Das ist wunderbar, denn es hält die Menschen vom völlig ungesunden Joggen ab. Die Argumente und Überzeugungsarbeit dafür liefern die Protagonisten des Nordic Walking. Ayurveda bevorzugt milde Sportarten, welche die Gelenke nicht strapazieren und die fordern ohne zu überfordern. Das Konzept des aeroben Trainings war im Ayurveda lange vor unserer Zeit bekannt. Ausdauer und das Gefühl von Unterforderung sind kurzfristiger sportlicher Höchstleistung vorzuziehen. Sport ist nur gesund, wenn nicht übertrieben wird! Für den modernen Menschen, der einen Großteil seines Lebens in sitzender Haltung verbringt, ist Nordic Walking der ideale Ausgleichsport. Die rhythmischen Bewegungen der Arme und Schultern verbessern die Atmung und lösen die angespannte Muskulatur der Brust- und Halswirbelsäule. Die Füße verlassen beim Laufen den Boden nicht, und so werden die Gelenke geschont. Um mit Nordic Walking wirksam Fett verbrennen zu können, muss regelmäßig über 45 Minuten lang trainiert werden. Das ist besonders für die Konstitutionen mit Kapha oder Kapha-Anteil wichtig. Obwohl das eine Sportart ist, die auch Menschen mit Vata, Pitta und Vata Pitta Konstitutionen regelmäßig ausüben können, muss ich diese Typen hier – wie schon beim Yoga – eindringlich vor Überforderung warnen. Trainieren Sie weder für Ihr Ego und noch für den ruhelosen Geist, sondern entsprechend Ihrer körperlichen Verfassung.

Tanzen

„Leben ist nicht Arbeit, sondern ein Tanz“, hörte ich einmal einen indischen Meister seine Schüler unterweisen. Legen wir die teutonische Verbissenheit und die puritanische Gram ab. Es muss nicht alles Sünde sein, was Freude bereitet. Gott ist kein Sadist, der jeden Funken Glück, den wir erfahren, gleich mit dem Zeusschen Hammer zerschmettert. Es existieren heute so viele Beschwerden, deren Ursache eine ungenügende Stimulation und Übung der im Körper unten liegenden Vitalzentren (Cakra) ist. Frauen leiden unter einem Mangel solcher Anregung mehr als Männer. Deshalb empfehle ich keine Tänze, bei denen eine Eisenstange an das Rückgrat montiert wird, sondern solche mit Hüftschwung: Bauchtanz, Salsa, Merengue, Zouk, brasilianische oder afrikanische Tänze – sie alle bieten freudvolle anregende Bewegung. Schlüpfen wir aus den viktorianischen und preußischen Korsetts hinein in das wirkliche Lebensgefühl unserer Bäuche. Die Cakra Lehre nennt das Energiezentrum, das eine knappe Handbreite unter dem Nabel liegt, den Sitz des Bewusstseins (Swadisthana), und das bedeutet nichts anderes, als dass unser Gehirn da unten sitzt. Mit ein paar tausend Jahren Verspätung kommen nun auch die Neurologen zu dieser Erkenntnis, und das obwohl sie immer noch mit den Köpfen denken.

Schwimmen

Im Wasser sind wir nur noch ein Siebtel so schwer wie an Land. Der Auftrieb schont die Gelenke, was ein großer Vorteil für übergewichtige Menschen, Schwangere, Senioren und nach Verletzungen bedeutet. Das Element Wasser besitzt eine tausendmal größere Dichte als Luft. Der Wasserdruck verlangt deshalb von Herz, Lungen und Bewegungsapparat einen höheren Einsatz. Deshalb gehört Schwimmen zu den gesündesten Sportarten überhaupt und wird bereits schon in der ältesten Schriftensammlung der Menschheit der Rig Veda empfohlen.Dieser Sport ist für alle Konstitutionen geeignet. Vata und Kapha Menschen sollten sich aber nicht zu lange in Wassertemperaturen unter 21 Grad bewegen.

Sex

Leidenschaftlicher intensiver Geschlechtsverkehr ist das ideale Training für Kapha Konstitutionen und kann von diesen laut der ayurvedischen Sexualmedizin ohne Einschränkungen ausgelebt werden. Sex ist der ideale Schlank- und Glücklichmacher. Andere Typen mit weniger Gewebestruktur müssen ihre sexuellen Aktivitäten der jeweiligen Fitnesssituation anpassen oder entsprechende Gegenmaßnahmen zur Kompensation des Energieverlustes treffen. So gesehen verbietet Ayurveda niemandem sein Grundrecht auf sexuelle Entfaltung, sondern weist einfach darauf hin, dass Energieverbrauch und Energiezufuhr ausgeglichen sein müssen. Vorsicht ist geboten, weil beim Geschlechtsverkehr ein Vertrauenspartner und intensive Gefühle involviert sind. Das öffnet natürlich Tür und Tor für emotionale, ethische und soziale Konflikte, die den gesundheitlichen Nutzen ins Gegenteil kippen können.

Hans H. Rhyner