Tanz Als Therapie
Aus dem Bauch heraus
Naturvölker früherer Zeiten wussten um die magische Kraft des Tanzes. Besonders Unfruchtbarkeit und Frigidität, aber auch unterschiedlichste Krankheiten wurden erfolgreich damit behandelt. Die zivilisierten Kulturen der modernen Gesellschaft haben traditionelle Heilverfahren im Lauf der Jahrhunderte zwar immer mehr durch die Schulmedizin ersetzt, aber Gebete und andere rituelle Handlungen wurden stets beibehalten. Bestes Beispiel sind die Heilungen in Lourdes.
Inzwischen besinnen wir uns wieder vermehrt auf überlieferte Weisheiten alter Kulturen. Und wer sich einmal auf den Weg nach innen begeben hat weiß, dass sowohl seelische als auch körperliche Probleme oft auf Störungen innerhalb sozialer Beziehungen beruhen.
Bewegungstherapien können häufig dabei helfen, Zugang zu den verschütteten Emotionen zu finden. Besonders im Tanz lassen sich sämtliche Gefühle – von Trauer über Verzweiflung bis zu Sehnsucht und Zärtlichkeit – ohne Worte ausdrücken, einzig und allein durch die Sprache des Körpers. Deshalb ist Tanz ein kommunikatives und soziales Mittel, um mit der Umwelt in Kontakt zu treten und darüber hinaus eine für jeden leicht begreif- und erfahrbare Möglichkeit zur Bewältigung und Heilung vielfältiger Leiden. In letzter Zeit ist zu beobachten, wie der Tanz insgesamt wieder neu belebt wird. Ballett, Ausdruckstanz, Paartänze, Flamenco, Salsa oder orientalischer Tanz erfreuen sich vor allem bei Frauen immer größerer Beliebtheit. Warum das so ist, hat sehr unterschiedliche Hintergründe. Marian Chace, eine Tänzerin in den USA, hat schon in den dreißiger Jahren in ihrem Tanzstudio beobachtet, dass viele ihrer Schülerinnen nicht so sehr daran interessiert waren, den eigentlichen Tanz und seine Technik zu erlernen, sie wollten vielmehr über diese körperliche Aktivität mehr Selbstvertrauen gewinnen. So kam es, dass Marian Chace ihre Schülerinnen in zwei Gruppen teilte, die einen, die tatsächlich den konkreten Tanz trainieren wollten und die anderen, die im Tanz Lebenshilfe suchten.
Mit dem Körper Gefühle ausdrücken
Ähnlich ist es heute mit dem orientalischen Tanz. Es stellt sich die gleiche Frage: Warum entdecken so viele Frauen diese besondere Art des Tanzes für sich? Wer den orientalischen Tanz einmal life erlebt hat, ist sofort fasziniert von den außergewöhnlichen Rhythmen. Die Weichheit der Bewegungen, die totale Körperbeherrschung, das präzise Akzentuieren der exotischen Musik, die für den Laien verblüffenden Zitterbewegungen, die gleichsam an- und abschwellend, sanft bis ekstatisch wirken – das alles weckt bei vielen Frauen den Wunsch, sich selbst auch so ausdrücken zu können. Während des Unterrichts lässt sich häufig feststellen, wie sich die Persönlichkeiten langsam aber sicher zu verändern beginnen. Die Gruppe wächst näher zusammen, die Tänzerinnen helfen sich gegenseitig, werden selbstsicherer, sind sich ihrer Weiblichkeit bewusster. Der Körper wird eingesetzt, um Gefühle auszudrücken oder um bestimmte Emotionen zu bewältigen.
Verschüttete Regungen lassen sich leichter aufspüren – man benötigt keine Worte, sondern kann seinen Körper sprechen lassen. Die Frauen genießen es, ihren Körper zu spüren und den Alltagsstress abfließen zu lassen. Hier wird das Wort „Bauchtanz“ im richtigen Sinn benutzt – es geht nämlich darum, aus dem Bauch heraus zu tanzen.
Die Frau, das erotische Wesen
Durch den orientalischen Tanz lernen die Frauen, zu ihrem Körper zu stehen, denn wie kein anderer Tanz schafft er ein Körperbewusstsein, das sich nicht an Twiggyidealvorstellungen orientiert. Auch die Konfrontation mit der eigenen Sexualität spielt hier eine wichtige Rolle. Vielen Frauen mangelt es an weiblichem Selbstbewusstsein und -verständnis, die urweiblichen Bewegungen sind uns zusehends verloren gegangen.
In der Vergangenheit wurde die Frau traditionell von einer männlich ausgerichteten Gesellschaft und der Kirche, in eine verhaltene Rolle gedrängt, wo ausladendes Beckenschwenken und schlangengleiche Bewegungen als unzüchtig abgestempelt und unterdrückt wurden. Bis heute ist der Umgang mit der eigenen Weiblichkeit für viele Frauen sehr schwierig.
Der Orientalische Tanz strahlt eben auch diese gewisse Erotik aus und das bringt etliche Frauen zur Verzweiflung – weil sie sich selbst absolut nicht als erotisches Wesen sehen. Warum das so ist, lässt sich nur vermuten. Der über die Jahrhunderte gepflegte Sittenkodex beeinflusst, so scheint es, sogar noch das Verhalten der Frauen von heute. Offenbar konnte auch die sexuelle Befreiung seit Ende der 60er Jahre daran nichts ändern.
Die Emanzipationswelle war sicherlich nötig, um die Frau aus ihrer Unterwürfigkeit zu befreien – aber musste das auf Kosten der eigenen Weiblichkeit geschehen? Die Antwort auf Unterdrückung liegt bestimmt nicht darin, die Männer nachzuahmen. Darüber hinaus fühlten sich viele Frauen auf die Funktion eines Sexobjekts reduziert und verfielen nicht selten ins genaue Gegenteil.
Dabei hätten es selbstbewusste Frauen, die sich zu ihrer Weiblichkeit bekennen, viel leichter im Umgang mit der Männerwelt.
Die Frau in der Frau kennen lernen
Sexualität ist ein wichtiger Teil der Lebensenergie. Sich darin zu beschränken wirkt sich auch auf den Körper aus – Verspannungen und Blockaden sind die Folge, was man oft schon an der Körperhaltung erkennen kann. Beckenbewegungen schaffen ein neues Bewusstsein für diesen meist vernachlässigten Körperteil und lassen die Energie besser fließen, Blockaden können abgebaut werden. Und nur wer blockadenfrei ist, kann auch ausdrucksstarken Tanz zeigen. Umgekehrt kann der Orientalische Tanz als Therapie zur Lösung von Blockaden dienen. Denn es geht darum, sich selbst wahrzunehmen, sich zu vertrauen und an sich zu glauben. In der Gruppe ist es hilfreich, an den Erfahrungen anderen Frauen teilzuhaben und sich mit ihnen über das Erlebte im Tanz auszutauschen. Jede muss ihrem Körper einfach die Zeit zugestehen, die er benötigt. Einige Frauen geben in dem Augenblick auf, in dem sie feststellen, dass sich emotional etwas verändert oder dass sie ihre Weiblichkeit entdecken obwohl sie die eigentlich lieber verleugnen würden.
Dies ist sehr schade, denn sie verpassen etwas Wesentliches: die Frau in der Frau kennenzulernen. Die, die den Mut haben, sich geduldig mit sich selbst auseinander zu setzen, werden mit der Zeit ihre verschüttete Erotik wieder aufspüren.
Denn eines steht fest: sie schlummert in jeder Frau. Wer sich traut, die lang gehegten Blockaden aufzubrechen, wird sich über kurz oder lang zu seinem Körper bekennen und zu seiner Mitte – der echten Weiblichkeit finden.
Der Orientalische Tanz kann also durchaus auch der Erweiterung der eigenen Grenzen dienen, er ist Balsam sowohl für die Seele als auch den Körper (Durchblutung, Muskelarbeit, Wirbelsäulenbeweglichkeit usw.). Ich kenne keine andere Tanzart, die so viele Vorteile für den/die Tänzer/innen in sich vereinigen kann.